IWF-Tagung : Vertauschte Rollen

Beim IWF-Treffen sind die Deutschen optimistisch, die Amerikaner skeptisch. Bundesfinanzminister Steinbrück und Bundesbankpräsident Weber sträuben sich gegen die gesenkte Prognose des IWF hinsichtlich der Konjunkturaussichten für Deutschland.

Christoph von Marschall

Washington - Eine ungewohnte Rollenverteilung zwischen optimistischen Deutschen und skeptischen Amerikanern hat die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) geprägt. US-Finanzminister Hank Paulson warnte, das Jahr 2008 bleibe „schwierig“. Ausmaß und Dauer der weltweiten Finanzkrise seien noch immer nicht voll übersehbar. Dagegen kritisierten Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber, die Prognosen des IWF seien zu pessimistisch. Europa und speziell Deutschland würden weniger unter der Krise leiden als vorhergesagt. Die Talfahrt war durch unsolides Verhalten bei der Vergabe von Immobilienkrediten in den USA ausgelöst worden. Die faulen Kredite waren dann von Banken und Fonds weltweit weiterverkauft worden.

Steinbrück sagt unverändert ein Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent für die Bundesrepublik voraus, der IWF hat es auf 1,4 Prozent abgesenkt. Weber beziffert den internationalen Schaden der Finanzkrise auf 225 Milliarden Dollar (142 Milliarden Euro), der IWF auf rund eine Billion Dollar. Der Bundesbankpräsident betont, die USA und die Schweiz seien ungleich stärker betroffen, Deutschland liege bei den Schäden „deutlich dahinter auf Platz drei“. Deutsche Finanzinstitute hätten Verluste von 30 Milliarden Euro zu verkraften. Auch Steinbrück sprach zwar von weiteren „Stolpersteinen“, auf die sich Deutschland und Europa vorbereiten müssten. Doch habe Europa „einen deutlichen Teil der Belastungen bereits gesehen“ und könne „den globalen Gegenwind gut aushalten“. US- Notenbankchef Ben Bernanke und andere Experten sehen die USA dagegen in einer Rezession. In den vergangenen Jahren war das Verhältnis umgekehrt. Mit im Schnitt über drei Prozent Wachstum waren die USA die Lokomotive der Weltwirtschaft, Deutschland und Europa dagegen die Sorgenkinder, weil ihre Wirtschaft nicht einmal halb so dynamisch wuchs.

Im Mittelpunkt der IWF-Tagung und des vorangegangenen Treffens der G-7- Finanzminister in Washington standen ein Aktionsplan gegen die Krise und die IWF-Reform. Die G 7 hatten sich am späten Freitagabend auf einen 65-Punkte- Plan geeinigt. Demnach sollen Banken und andere Finanzinstitutionen ihre Risiken binnen hundert Tagen adäquater bewerten sowie Verluste offenlegen. Das Kreditrating soll überholt werden. Finanzinstitute müssten ihre Risiken restriktiver einschätzen und mehr Liquidität zum Ausgleich vorhalten. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind aber nicht verbindlich. Die kurzfristigen Aktionen liegen im jeweiligen nationalen Ermessen.

Die seit Jahren stockende IWF-Reform kam etwas voran. Nachdem sich der Lenkungsausschuss des Fonds für eine Neujustierung der Stimmrechte ausgesprochen hat, die ärmeren Staaten und Schwellenländern wie Brasilien mehr Einfluss gibt, bestehen gewisse Aussichten, dass die erforderliche Zustimmungsquote von 85 Prozent bis zum 28. April erreicht wird. Christoph von Marschall

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