Kapital : Bundesbanker Sarrazin vermisst Bargeld

Berlins ehemaliger Finanzsenator fragt sich, wo 60 Prozent der deutschen Münzen und Scheine sind, und vermutet illegale Nutzung.

Rolf Obertreis
Sarrazin Foto: dpa
Thilo Sarrazin ist als Bundesbankvorstand zuständig für die Bereiche Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. -Foto: dpa

Frankfurt am Main - Bei rund 60 Prozent des in Deutschland umlaufenden Bargelds hat die Bundesbank keine Erkenntnisse, für was die Scheine und Münzen verwendet werden. „Sie können unter dem Kopfkissen liegen oder im Sparstrumpf stecken. Vermutlich aber dient auch ein hoher Anteil zur Bezahlung von Schwarzarbeit, möglicherweise fließt auch viel in die Kriminalität“, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin am Dienstag in Frankfurt am Main.

Eindeutig aber belegt die vorgelegte Studie, für die mehr als 2000 Personen befragt wurden, dass die Deutschen beim täglichen Einkauf immer noch am liebsten bar zahlen. Der Anteil der Barzahlungen liegt bei 82,5 Prozent. Knapp 12 Prozent entfallen auf die EC-Karte und nur 1,4 Prozent auf die Kreditkarte. Die einst hochgelobte Geldkarte spielt praktisch keine Rolle.

Nach Angaben von Sarrazin, der Anfang Mai von seinem Posten als Finanzsenator in Berlin in den Vorstand der Bundesbank gewechselt war, wurden von den Ende 2008 in Deutschland umlaufenden Euromünzen und -scheinen im Wert von 328 Milliarden Euro nur 31 Milliarden Euro für bare Zahlungen verwendet. Rund 75 bis 80 Milliarden Euro seien ins Ausland geflossen. Der Rest werde offensichtlich für andere Zwecke verwendet – einfach für die Wertaufbewahrung oder für die Bezahlung von Schwarzarbeit.

Möglicherweise fließe das Geld auch in kriminelle Aktivitäten. Auffällig sei in jedem Fall, so Sarrazin bei seiner ersten Pressekonferenz für die Bundesbank, dass sich der Anteil der Bargeldhaltung am gesamten Bargeldumlauf in den letzten zehn Jahren verdoppelt habe.

Im Blick auf die Bezahlung legaler Produkte und Dienstleistungen wird sich am Verhalten der Bundesbürger auch in den nächsten Jahren nur langsam etwas ändern, glaubt Sarrazin. „Bargeld wird vermutlich auch in den nächsten 30 bis 40 Jahren eine wesentliche Rolle spielen.“

Die Bundesbürger bevorzugen beim Einkauf Münzen und Scheine, weil sie die hohe Akzeptanz, die niedrigen Kosten, die Schnelligkeit, die Vertrautheit, aber vor allem auch die Anonymität schätzen, sagt Bundesbankerin Nadine Knaust, eine der Autorinnen der Studie. In der Regel allerdings zahlen die Deutschen kleinere Beträge in bar. Allein schon deshalb, weil sie im Schnitt den überschaubaren Betrag von 118 Euro im Portmonee haben. Und davon 6,70 Euro in Münzen.

In der Kneipe wird fast ausschließlich, in der Apotheke und im Einzelhandel wird zum allergrößten Teil bar bezahlt. Obwohl 91 Prozent der Bundesbürger mindestens eine EC-Karte besitzen, spielt sie lediglich beim Tanken und bei größeren Anschaffungen eine wirklich wichtige Rolle mit einem Anteil von rund 45 Prozent. Die Kreditkarte wird ebenfalls hauptsächlich an der Tankstelle und beim Bezahlen der Hotelrechnung eingesetzt. Aber mit elf und 19 Prozent ist der Anteil überschaubar. Die Rolle der Kreditkarte könnte allerdings mit den deutlich wachsenden Einkäufen im Internet zunehmen.

Neue Zahlungswege etwa über das Handy oder per Fingerabdruck werden sich nach Ansicht der Bundesbank kaum durchsetzen. Zumal es sich meist um Insel- und nicht um flächendeckende Angebote handelt. Als Flop erweist sich mehr und mehr die einst von Banken und Sparkassen nachhaltig angepriesene Geldkarte. Gerade einmal 0,5 Prozent aller Zahlungen wurden damit beglichen. Allein schon deshalb, so Knaust, weil 80 Prozent der EC-Kartenbesitzer die Geldkartenfunktion der Karte gar nicht kennen. „Weder Verbraucher noch Handel noch Banken und Sparkassen haben offenbar ein besonderes Interesse an der Geldkarte“, konstatiert die Bundesbankerin.

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