Karl Marx : Kaffee, Keks und Kapital

Ein Flüstern dringt aus der Küche. In einer Berliner Wohngemeinschaft sitzen zehn junge Leute bei Kaffee und Keksen und lesen sich vor. Auf ihren Knien lasten Wälzer mit dunkelblauen Einbänden, totgesagte Monstren: "Das Kapital" von Karl Marx. Die Krise hat den Klassiker wieder populär gemacht.

„Das ist das Schwerstprogramm“, sagt Win Windisch. Der Berliner Student organisiert Kapital-Lesekreise – im Oktober hatten Studentengruppen der Linkspartei dazu aufgerufen. Mittlerweile lesen 300 Studenten in 25 deutschen Städten wieder Marx. „Es lohnt sich, weil die wichtigen Punkte eine Verbindung zum Heute haben“, sagt Windisch.

Einige der Marx-Leser treffen sich auch privat, wie der Lesekreis von Ole Guinand, der seine Wohngemeinschaft zur Verfügung stellt. 20 Seiten schafft die Gruppe pro Woche, bis zum vierten Kapitel des ersten Bandes hat sie sich schon durchgeschlagen. „Es ist eine gute Möglichkeit, den Kapitalismus zu verstehen“, sagt Guinand. Gerade Geisteswissenschaftler könnten von dem Lesekurs profitieren.

Die neue Lust auf Marx spürt auch der Berliner Karl Dietz Verlag, der „Das Kapital“ herausgibt. Mit der Krise wuchs auch die Auflage. 258 Exemplare verkaufte der Verlag allein im Oktober. „Mittlerweile haben sich die Verkaufszahlen auf einem für uns hohen Niveau stabilisiert“, sagt Geschäftsführer Jörn Schütrumpf. Gefragt seien jetzt vor allem die Bände zwei und drei: „Die Leute, die den ersten Band gekauft haben, nehmen sich jetzt die anderen vor.“

Marx-Leser Guinand weiß noch nicht, ob „Das Kapital“ wirklich das Buch zur Rezession ist: „Die Krise des Kapitalismus wird erst im dritten Band behandelt – so weit sind wir ja noch lange nicht.“ Bis dahin kommen noch 45 Kapitel. jte

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