Konjunktur : Nur nach unten

Wachsende Angst und schwierige Geschäfte: Der Abschwung und die Banken-Turbulenzen vermiesen den Firmen die Stimmung - sie fürchten eine Rezession.

Carsten Brönstrup

Berlin - Bei deutschen Spitzenmanagern wächst angesichts der Finanzkrise und der schwachen Weltwirtschaft die Angst vor einer Rezession. Die Unternehmer schätzten ihre Geschäftsaussichten im September so pessimistisch ein wie seit 1993 nicht mehr, wie das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Mittwoch erklärte. Der per Umfrage unter 7000 Firmen ermittelte Geschäftsklima-Index, der wichtigste Konjunkturindikator für Deutschland, sank zum vierten Mal in Folge von 94,8 auf 92,9 Zähler. „Der Index setzt seinen Abwärtstrend mit Riesenschritten fort“, kommentierte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Die Branchen Handel und Industrie meldeten ein schlechteres Klima, nur auf dem Bau hellte es sich etwas auf.

Auch in anderen Ländern Europas trübte sich die Stimmung ein: In Italien war das Geschäftsklima nur vor sieben Jahren noch schlechter, in Frankreich vor fünf. Die Börse in Frankfurt am Main zeigte sich von den Daten unbeeindruckt – der Standardwerte-Index Dax verlor nur 0,2 Prozent auf 6052 Punkte.

Dabei ist die Panik, die das weltweite Finanzsystem seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers vor zwei Wochen erfasst hat, nur in vier von zehn Antworten der Ifo-Befragung enthalten. Vor allem die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate sind schlecht und nun sogar unter dem Niveau der Wirtschaftskrise von 2001/2002. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir bereits in einer Rezession stecken, ist sehr groß“, sagte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen dieser Zeitung. Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Vierteljahr werde es zwischen Juli und Ende September vermutlich ein abermaliges Minus geben – damit wäre die technische Voraussetzung einer Rezession erfüllt. „Man sollte das aber nicht überbewerten – eine lange Phase der Stagnation kann schlimmer sein als eine kurze Phase der Rezession“, gab Carstensen zu bedenken. Die Industrie wiegelte ab. „Von einer Wirtschaftskrise oder einer Rezession kann keine Rede sein“, sagte Jürgen Thumann, Präsident des Branchenverbandes BDI.

Über die Auswirkungen der Finanzkrise auf Deutschland will heute ein Krisengipfel mit Banken, Verbänden, Finanzaufsicht und Politikern beraten. Ab Sonntag werden die führenden Wirtschaftsinstitute ihre Herbst-Prognose für das Wirtschaftswachstum 2009 erarbeiten. „Wir im Ifo-Institut werden unsere Kalkulation von 1,0 Prozent auf jeden Fall nach unten korrigieren“, kündigte Carstensen an.

Die schlechten Stimmungswerte gehen nach seinen Worten aber nicht allein auf die Finanzkrise zurück. „Die Exportmärkte brechen weg – die wichtigen Länder Europas, die asiatischen Schwellenländer, die USA sowieso.“ In den vergangenen Jahren galt der Export als Stütze des deutschen Wachstums. Gleichwohl sei auch der Blick nach Amerika wichtig: Sollte das von der US-Regierung geplante Hilfspaket über 700 Milliarden Dollar bald greifen, sei mit einer Aufhellung der Stimmung zu rechnen, sagte Carstensen. Auch eine Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank könnte helfen.

Noch haben es deutsche Firmen aber nicht schwerer als früher, an Kredite zu kommen. Nach einer Studie der Bank Unicredit haben die Finanzinstitute ihre Vergabestandards zwar verschärft – verglichen mit der Lage im Euroraum und in den USA mache sich die Finanzkrise bislang aber nur wenig bemerkbar.

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