Kredite : Finanzkrise: In der Klemme

Die Unternehmer beklagen fehlende Kredite – die Banken beschwichtigen. Gibt es nun eine Kreditklemme oder nicht?

Moritz Honert

Berlin - Ob es in Deutschland eine Kreditklemme gibt, hängt vor allem davon ab, wem man diese Frage stellt. Glaubt man Claus Friedrich Holtmann, lautet die Antwort Nein. Zumindest, was seine Institute angehe. Holtmann, geschäftsführender Präsident der ostdeutschen Sparkassen und eher gewaltig als wuchtig von Statur, sitzt im 19. Stock seiner Firmenzentrale in Berlin. Die Sparkassen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg hätten ihr Kreditengagement in den vergangenen zwölf Monaten sogar ausgebaut, berichtet er. Um 1,6 Prozent auf rund 35,3 Milliarden Euro. „Der Kredithahn der Sparkassen sprudelt“, sagt Holtmann. Er ist sichtlich zufrieden.

Sprudeln tun die Kredite aber anscheinend nicht überall. Während Holtmann in Berlin referiert, veröffentlicht die staatliche Förderbank KfW in Frankfurt am Main eine von ihr durchgeführte Befragung unter 3200 Unternehmen. Ein Ergebnis: Vor allem die Großkonzerne und die Mini-Betriebe kritisieren eine mangelnde Kreditbereitschaft. Besonders Autohersteller, Maschinenbauer, die Metallindustrie und der Großhandel zeigten sich betroffen. Also doch Kreditklemme?

Ja und Nein, sagt KfW-Chef Norbert Irsch. „Die Finanzierungsprobleme für Firmen sind erheblich, und sie werden zunehmen. Noch sehen wir aber keine flächendeckende Kreditklemme.“ Allerdings will Irsch auch nicht ausschließen, dass es dazu in nicht allzu ferner Zukunft doch noch kommen kann.

Um seine Aussagen zu untermauern, hat er Zahlen mitgebracht: Das Volumen der neu zugesagten Kredite werde im dritten Quartal um sechs bis zehn Prozent gegenüber dem vorangegangenen sinken. Im Quartal davor gab es einen Rückgang von vier bis acht Prozent. Nicht schön, aber im Vergleich zur Wirtschaftskrise 2001 bis 2004 auch nicht wahnsinnig dramatisch, findet Irsch.

Ein Grund für das gesunkene Kreditniveau sei übrigens nicht nur die geringe Risikobereitschaft der Institute, sondern auch die fehlende Nachfrage. Irsch rechnet damit, dass die deutschen Unternehmen in diesem Jahr krisenbedingt knapp 20 Prozent weniger investieren als 2008.

Auch bei der Bundesbank hält man nichts von Alarmismus. Eine breite Kreditverweigerung der Banken gebe es derzeit nicht. Zwar wurden im Frühjahr die Kreditkonditionen verschärft – das allerdings in geringerem Maße als in den beiden vorhergehenden Quartalen.

Gefahr droht aus einer anderen Ecke. Weil viele Kreditnehmer unter der Krise leiden, befürchten die Banker, dass schon bald die ersten laufenden Kredite platzen könnten. Dann fehlt den Banken Geld, mit dem sie rechnen. Die Folgen: eine sinkende Risikobereitschaft bei den Instituten und dadurch nochmals weniger Kredite. Und dann klagen vielleicht bald doch nicht mehr nur die Wirtschaftsriesen und -zwerge über die Kreditklemme – sondern alle. 

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