Lebensversicherungen : Stabil durch die Krise

Die Allianz setzte den Trend nach unten: Nachdem der Marktführer für Lebensversicherungen die Verzinsung der Sparerbeiträge von 4,5 auf 4,3 Prozent gekürzt hatte, sind viele gefolgt. Die Policen werfen also weniger ab – bieten aber besonderen Schutz.

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Von den zehn größten Lebensversicherern in Deutschland haben mittlerweile sechs die Überschussverzinsung gesenkt, darunter Generali und die Hamburg- Mannheimer. Die Maßnahme sei eine notwendige Reaktion auf die mageren Marktzinsen, hieß es zur Begründung.

Dennoch schrumpfen die Zinsen der Versicherer überraschend moderat: Nach Recherchen von Manfred Poweleit vom Branchendienst MAP werden die Lebensversicherer die Guthaben ihrer Kunden für 2010 im Schnitt mit 4,2 Prozent verzinsen. 2009 waren es 4,28 Prozent. Die Rendite setzt sich aus der gesetzlich garantierten Mindestverzinsung von 2,25 Prozent und der freiwillig gezahlten Überschussverzinsung zusammen. Bisweilen rechnen manche Versicherer, vor allem bei der Werbung für ihre Produkte, auch eine Schlussverzinsung hinzu, die aber keineswegs sicher ist und auch erst am Ende des Vertrages gezahlt wird.

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Anders als Besitzer von Aktien oder Fonds, die zeitweise hohe Verluste hinnehmen mussten, konnten damit Millionen Deutsche über die Finanzkrise hinweg mit ihrer Lebensversicherung positive Renditen erwirtschaften, lobt Reiner Will, Geschäftsführer des Kölner Versicherungsrating-Unternehmens Assekurata: „Das Produkt Lebensversicherung hat sich in der Krise bewährt.“

Aber: Weil die Zinsen, die für mindestens zwei Drittel der angelegten Versicherungsbeiträge entscheidend sind, seit zwölf bis 14 Jahren beharrlich sinken, stehen die Versicherer vor immer größeren Problemen. Gerade Lebensversicherer, die sehr langfristige Zinsverpflichtungen übernehmen, müssen sich hauptsächlich auf sichere Kapitalanlagen mit niedrigen Renditen beschränken. Zehnjährige Bundesanleihen etwa werfen aktuell nur 3,2 Prozent ab und lagen 2009 auch schon unter drei Prozent.

Bisher wurden die Zinszusagen der Lebensversicherer vor allem durch den Griff in die Rückstellungen ermöglicht, in Finanzpolster also, die sich aus den Beitragseinnahmen speisen und speziell zur Glättung von Zinstiefs vorgesehen sind. Diese Polster seien zwar deutlich geschrumpft, sagt Will, lägen aber weiter deutlich höher, als von der Finanzaufsicht gefordert. Endlos strapazieren könne man sie aber nicht.

Für die Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin ist auch deshalb klar: Die Überschussbeteiligungen werden weiter schrumpfen müssen. „Wir erwarten weitere Senkungen für 2011“, prognostizierte jüngst Bafin-Chef Jochen Sanio. Der oberste Finanzaufseher hat den Versicherern wegen der Niedrigzinsen sogar einen Stresstest abverlangt: Sie mussten in mehreren, teils sehr pessimistischen Szenarien bis 2018 durchrechnen, ob selbst fortgesetzte Zinstiefs bis 2018 die Einhaltung der eingegangenen Zinsversprechen noch erlaube. Denn in vielen Policen finden sich auch noch jene vier Prozent Mindestverzinsung, die bis 2004 gesetzlich vorgeschrieben waren. Das Ergebnis: Die Risikotragfähigkeit werde sich, so Sanio, zwar „bis 2018 merklich verschlechtern“, doch werde „die Branche auch eine lange Niedrigzinsphase wirtschaftlich überstehen“.

Auch Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, geht davon aus, dass sich die Versicherer weiter knausrig zeigen. Zwei Gründe nennt der Experte: Zum einen kauften die Versicherer vorrangig lang laufende Anlagen, müssten sich also langfristig an die derzeit niedrigen Zinsniveaus binden. Auf Zinserhöhungen könnten Versicherer deshalb nur sehr schwerfällig reagieren. Zweitens seien durch die verlängerte Lebenserwartung die Sterbetafeln verändert worden, wodurch zusätzliche Prämieneinnahmen gebunden würden. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) indes wiegelt ab: An den für 2010 abgegebenen Zinsversprechen sei in jedem Fall nicht zu rütteln, sagt ein Sprecher.

Die Lebensversicherung ist in Deutschland indes weiter eine der beliebtesten Anlageformen. 93 Millionen Policen liegen in den Schubladen der Deutschen. Obwohl das Neugeschäft mit traditionellen Policen 2009 stockte, schichteten finanzkräftige Anleger in der Finanzkrise offenbar stark in das Garantieprodukt Lebensversicherung um.

Uneingeschränkt empfehlen könne man die Lebensversicherung aber nicht, sagt Versicherungsexperte Gatschke. Zwar habe die Krise gezeigt, dass es sinnvoll sein könne, das Kapitalmarktrisiko kollektiv zu tragen. Der Anleger „profitiert von Reserven, die Generationen vor ihm mit aufgebaut haben“. Problematisch bleibe dennoch die Kostenseite und die mangelnde Flexibilität. 30 Prozent der Kunden, sagt Gatschke, beendeten ihre Verträge noch in den ersten fünf Jahren. Binnen 20 Jahren seien es vermutlich fast zwei Drittel. Wer einen Vertrag vorzeitig auflöse, müsse jedoch hohe finanzielle Einbußen hinnehmen. Denn in den ersten Jahren spare der Versicherte hauptsächlich, um die Abschluss- und Verwaltungskosten zu bezahlen. „Wer sich nicht zutraut, eine Lebensversicherung langfristig durchzuhalten und auf das angesparte Geld auch über Jahrzehnte zu verzichten, sollte besser flexiblere Anlagen wählen“, rät auch Assekurata-Geschäftsführer Will. Verbraucherschützer Gatschke glaubt zudem, dass klassische Kapital-Lebensversicherungen mit Todesfallschutz sich nur für die Vermögensbildung, nicht jedoch für die Altersvorsorge eigneten.

Klar sein müsse dem Anleger, dass die Phase niedriger Zinsen sich auch stark auf das Anlageergebnis auswirke, bekräftigt Poweleit. Zwar sei die im Schnitt für 2010 angekündigte Rendite von 4,2 Prozent wesentlich besser als noch von vielen Crash-Propheten erwartet. Trotzdem sei das Ergebnis für die Versicherten „besorgniserregend“: 2001 sei einem Musterkunden (Eintrittsalter 30 Jahre, Mann, Nichtraucher) für einen 30-jährigen Vertrag mit einer jährlichen Einzahlung von 1200 Euro noch im Schnitt 104 600 Euro ausgezahlt worden. Auf Basis der Daten von 2010 seien es nur noch 63 843 Euro, der Zinsgewinn sei somit um fast 60 Prozent auf 27 843 Euro geschrumpft. Poweleit: „Das Geld fehlt im Alter.“

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