Lehman : Die Krötenwanderung

Lehman-Geschädigte protestieren mit Massenabhebungen gegen ihre Banken. In Berlin versammelten sich am Donnerstag ein Dutzend Leute vor der Citibank-Filiale in Steglitz, um gemeinsam die Summe abzuheben.

Joachim Telgenbüscher
271653_0_de583bcf.jpg
Kröten abgehoben. Die Anleger wollen Banken treffen, wo es ihnen wehtut. Foto: dpa

Berlin – In Deutschland sind die Kröten los. Wer dabei an glitschige Amphibien denkt, liegt falsch. Es geht ums Geld. Genauer gesagt, um die „Kröten“ der mehr als 50 000 deutschen Lehman-Geschädigten. Unter dem Motto „Krötenwanderung“ haben die Anleger dazu aufgerufen, exakt 234,09 Euro von ihren Konten abzuheben. Die Summe entspricht dem Datum des Aktionstages. Die Anleger protestieren damit gegen die Banken, die ihnen die Lehman-Zertifikate verkauft haben. Die Papiere waren nach der Pleite der US-Investmentbank im Oktober 2008 über Nacht wertlos geworden.

In Berlin versammelten sich am Donnerstag ein Dutzend Leute vor der Citibank-Filiale in Steglitz, um gemeinsam die Summe abzuheben. Das Geldinstitut ist für die Mehrheit aller in Deutschland verkauften Lehman-Zertifikate verantwortlich. „Wir wollen mit unserer Aktion zeigen, wie unzufrieden wir mit der Citibank sind“, sagt Mitorganisatorin Angelika Theiler. Sie wirft der Bank vor, auf Zeit zu spielen und abzuwarten, bis mögliche Beratungsfehler verjährt sind. „Die sollen endlich wieder mit uns sprechen und nicht länger den Kopf in den Sand stecken“, sagt Theiler. Die Aktion ist als Weckruf gedacht: „Wo tut es den Banken weh? Beim Geld! Unserem Geld!“, heißt es auf der Homepage der Lehman-Initiative. Eine „Kröten-Uhr“ hält fest, wie viel Geld schon abgehoben worden ist. Derzeit steht sie bei mehr als acht Millionen Euro.

Die Citibank lässt sich von der Massenabhebung nicht unter Druck setzen: „Unbeeinflusst von derartigen Aktionen führen wir unsere Prüfungen mit der gewohnten Gründlichkeit durch“, sagt Unternehmenssprecher Ingo Stader.

Bislang haben die Lehman-Geschädigten erfolglos auf Schadensersatz geklagt. Ein erster Prozess gegen die Frankfurter Sparkasse endete im November 2008 mit der Niederlage des Klägers. Der Grund für die Schwierigkeiten: Die Anleger müssen selbst nachweisen, dass sie beim Kauf der Lehman-Zertifikate falsch beraten worden sind. Dies ist aber mehrere Jahre nach dem Verkaufsgespräch kaum mehr möglich. In den meisten Fällen steht Aussage gegen Aussage. Auch aus diesem Grund haben viele Geschädigte auf eine Klage gegen ihre Bank verzichtet. Zu groß ist die Angst, am Ende auf den Prozesskosten sitzen zu bleiben.

Jetzt gibt es neue Hoffnung: Der Schlüssel könnte eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) sein. Demnach sind heimliche Zahlungen zwischen dem Anbieter eines Finanzproduktes und seinem Vertriebspartner illegal. Verschweigt der Berater dem Kunden diese „Kick-Backs“, entsteht ein Anspruch auf Schadensersatz. Es wird vermutet, dass auch die deutschen Banken solche Kick-Backs an Lehman gezahlt und die Kosten weitergereicht haben.

Das Landgericht Hamburg hat in zwei laufenden Lehman-Verfahren jetzt zugestanden, dass sich die BGH-Rechtssprechung auch auf Lehman und seine deutschen Geschäftspartner anwenden lässt. „Es gibt hier sehr erfreuliche richterliche Hinweise“, sagt Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. Das Urteil wird für den 12. Mai erwartet.

Aber auch die Aktionen der Lehman-Initiative zahlen sich aus – als PR-Maßnahme. „Seit einem Auftritt bei Anne Will steht das Telefon nicht mehr still“, sagt Theiler. Die Zahl der Teilnehmer am Berliner Stammtisch habe sich in den letzten Wochen auf hundert verdoppelt. „Das Problem ist nur, wo man mit so vielen Leuten hingeht.“ Joachim Telgenbüscher

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben