Lehman-Pleite : "Dumm und alt? Das stimmt nicht."

Geschädigte der Lehman-Pleite haben sich in Berlin zusammengetan. Sie wollen gemeinsam für ihr Geld kämpfen

Joachim Telgenbüscher
266277_0_85885167.jpg

BerlinEr dachte, er sei noch einmal davongekommen. Als sich Bela Paradi am 16. September 2008 an den Computer setzt, um seinen Kontostand zu prüfen, da weiß er schon: Die US-Bank Lehman Brothers ist pleite. Und viele Deutsche sind es auch, weil sie Lehman-Zertifikate gekauft haben. Doch der 65-jährige Paradi fühlt sich sicher. Er besitzt zwar Anleihen von Lehman, aber die hatte ihm sein Bankberater als risikofrei empfohlen. „Doch dann stand da die null.“ 60 000 Euro sind weg. Der Rentner aus Wilmersdorf entscheidet schnell: Er will kämpfen.

Deshalb sitzt er an diesem Freitagabend im senfgelben Konferenzraum eines Berliner Hotels, beim Informationsabend für Lehman-Geschädigte. Bis zu 50 000 Deutsche sollen Geld verloren haben. 17 von ihnen wollen hier erfahren, wie sie es zurückbekommen können. Es sind ältere Herren mit Hörgeräten hinter den Ohrmuscheln, Frauen mit Lesebrillen, Rentner, die ein Leben lang gearbeitet haben und die jetzt von vorne anfangen müssen.

„Man kann fast alles mit einem Zertifikat machen“, erklärt der Bremer Rechtsanwalt Peter Hahn. Man kann damit auch seine gesamte Altersvorsorge verlieren, so wie Bela Paradi. „Seit 1971 war mein Konto nie in den Miesen, und jetzt ist es dauerhaft überzogen“, sagt er. Paradi sitzt in der ersten Reihe, ein kleiner drahtiger Mann, mit raspelkurzen Haaren. Sein Körper ist angespannt, wenn von mangelnder Beratung die Rede ist, mahlt sein Kiefer. Im Jahr 2006 hatte ihn sein Berater angerufen: „Kommen Sie doch mal raus aus Ihren Aktienfonds“, habe er gesagt. Und: „Wir gehen jetzt rein in eine sichere Anlage.“

Die Anwesenden kennen sich gut. Fast alle besuchen regelmäßig den Berliner Geschädigten-Stammtisch. Die Aktivisten hoffen auf eine Entschädigung der Citibank, die ihnen die Lehman-Papiere verkauft hat. Aber dafür müssen sie beweisen, dass sie falsch beraten worden sind. Die Banken weisen Beratungsfehler weit von sich – trotzdem hat die Hamburger Sparkasse kürzlich 1000 Lehman-Opfer außergerichtlich entschädigt.

Dann spricht ein Geschädigter aus Frankfurt: „Warum kam Lehman nach Europa?“, fragt er. „Um Sie zu betrügen!“ Das kommt im Publikum gut an. Ein Hauch von Verschwörungstheorie weht durch den Raum.

Auch eine der wenigen Neulinge in der Runde meldet sich. Sie sei sehr froh da zu sein. Ihre Stimme ist brüchig. „Sie wissen ja, was über uns gesagt wird: D und A – dumm und alt. Aber das stimmt nicht. Wir sind über den Tisch gezogen worden.“ Paradi begrüßt sie mit einem „Willkommen im Club!“ und klatscht Applaus. Die Frau sagt, sie schäme sich immer noch. „Die Scham müssen Sie überwinden. Ich habe sie auch überwunden“, ruft ihr Paradi zu.

Am heutigen Sonntag wird Paradi in der ARD-Sendung Anne Will seine Geschichte erzählen. Er wolle zeigen, dass er „kein zinsgeiler Opa“ ist, sondern das Opfer eines Betruges. Paradi kämpft: „Ich komme immer wieder, ich lasse nicht locker, und irgendwann kriege ich mein Geld zurück.“ 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben