Profit : Spekulation auf Öl

Wie Anleger von künftig steigenden Preisen profitieren können. Doch in diesem Jahr wird der Rohölpreis wohl nicht deutlich über 70 oder gar 80 Dollar je Barrel steigen.

Kevin Hoffmann

Rohöl ist so billig wie seit Jahren nicht mehr. Im Juli 2008 hatte der Preis für ein Barrel (159 Liter) mit 147 Dollar noch ein Rekordhoch erreicht. Dann ging er nur noch bergab. Jetzt pendeln die Preise schon seit Wochen zwischen 35 und 45 Dollar. Das liegt an der weltweit anhaltend schlechten Konjunktur. Denn wenn Industriekonzerne weniger produzieren, brauchen sie weniger Öl. Doch wenn die Wirtschaft Ende dieses Jahres oder 2010 wieder an Fahrt gewinnt, dürfte der Ölpreis wieder steigen. Wäre jetzt also ein guter Zeitpunkt für Anleger, um in den Rohstoff Öl zu investieren?

„Ich würde zunächst einmal bezweifeln, dass der Rohölpreis noch in diesem Jahr deutlich auf 70 oder gar 80 Dollar je Barrel steigt“, sagt Heino Elfert, Herausgeber des Energie-Informationsdienstes EID in Hamburg. Zwar haben die Mitgliedstaaten der Erdölexportierenden Länder (Opec) auf ihren Treffen in den vergangenen Monaten mehrere Drosselungen der Ölförderung beschlossen, um das Angebot auf dem Markt zu verknappen. Damit sollte der Preis steigen. Allerdings geschieht das nur langsam. Zudem vermuten viele Experten wie Elfert, dass sich die meisten Staaten ohnehin nicht an die offiziellen Opec-Beschlüsse halten. Sie fördern mehr als sie angeben, um in Krisenzeiten wenigstens ein paar Petrodollar extra in ihre Haushalte zu spülen.

Und noch etwas spreche gegen eine schnelle Erholung des Preises: Die Lager sind derzeit voll – in den USA so voll wie seit 1984 nicht mehr. Investoren mieten derzeit verstärkt Öltanker als schwimmende Lager an. Die dümpeln im Golf von Mexiko und können jederzeit ihre Ladung an Land bringen, sobald der Preis wieder anzieht. Kurzum: Die meisten Experten rechnen damit, dass sich die Ölpreise 2009 „seitwärts“ bewegen. Öl scheint, wenn überhaupt, eher eine Anlageform zu sein, die mittel- und längerfristig günstige Aussichten verspricht.

Zertifikate statt Ölfässer

„Ganz grundsätzlich ist die Investition in Öl eine eher riskante Anlageform. Das Geld, das man da reinsteckt, muss man auch verlieren können“, warnt Elfert vom EID. Aber wer mehr als ein paar Monate Zeit und vor allem Geld übrig hat, könnte sein Glück versuchen. Einige Banken wie die UBS, ABN Amro/RBS und Goldman Sachs bieten Öl-Zertifikate an. Damit können auch Privatanleger auf einen steigenden Ölpreis setzen – aber auch auf einen weiter fallenden. Es gibt auch Zertifikate, die die Erwartung abbilden, dass sich der Preis in einem bestimmten Zielkorridor bewegt. Wenn der Barrelpreis innerhalb der Zielmarke bleibt, gewinnt man. Sonst nicht.

Viele Öl-Zertifikate orientieren sich an der Preisentwicklung einer der beiden wichtigsten Ölsorten. Das sind West Texas Intermediate (WTI), ein Leichtöl aus den USA, dessen Preis an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex festgelegt wird. Und die Nordseesorte Brent, die hauptsächlich an Europas Öl-Leitbörse ICE gehandelt wird – wobei auch in London mit WTI gehandelt wird und mit Brent-Öl in New York.

In den Medien werden regelmäßig die Preise für WTI, Brent oder der Durchschnittspreis für Öl aus Opec-Ländern gemeldet. Für Besitzer von Öl-Zertifikaten haben all diese Werte aber nur sehr begrenzte Aussagekraft. Denn der Opec- Preis ist kein Marktpreis, er dient eher als Konjunkturindikator. Und die Werte für WTI- und Brent stellen, sofern nicht explizit anders genannt, die tagesaktuellen Spotmarktpreise dar. Diese Werte sagen etwas über die allgemeine Preisentwicklung aus und darüber, was man zahlen müsste, wenn man den Stoff tatsächlich sofort geliefert bekäme. Allerdings will wohl kein Privatanleger Ölfässer im Garten stapeln. Daher sind Rohstoffe komplizierter zu handeln als Aktien oder Aktienfonds.

Und auch die Preisentwicklung ist für Laien nicht leicht nachzuvollziehen: Die Aufgabe eines Rohstoffhändlers einer Bank ist es, im Auftrag des Kunden etwa mit ETC (Exchange Traded Commodities) zu handeln. Dabei geht es um Warentermingeschäfte. Der Händler kauft einen Terminkontrakt zur Lieferung des Öls zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, einen sogenannten Future. Jeden Monat, bevor dieser Kontrakt zur Lieferung fällig wird, muss der Händler ihn verkaufen und einen neuen Future-Kontrakt kaufen. Im Branchenjargon heißt dieser Vorgang „rollen“. Der private Öl-Anleger bekommt davon nichts mit, sollte diesen Mechanismus aber kennen und sich über diese Future-Preise informieren.

Ganz grundsätzlich gilt: Liegt der Futures-Preis über dem tagesaktuellen Spotpreis, entstehen für den Anleger sogenannte „Rollverluste“, da der Händler das investierte Kapital ja immer in teurere Kontrakte rollen muss. Liegt der Future-Preis unter dem Spot-Preis, profitieren Anleger von dem Rollvorgang.

Beim Öl liegen die Preise zur Sofortlieferung (Spot) derzeit deutlich unter den Terminpreisen (Future). Wenn man derzeit Öl zur Lieferung in einem Jahr bestellt, zahlt man fast 30 bis 40 Prozent mehr, als wenn man es sofort nehmen würde. Derzeit gibt es sogar die eher seltene Situation, dass ein Öl-Future teurer ist, je weiter er in der Zukunft liegt.

Preisanstieg vorweggenommen

Der Markt habe die Erwartung bereits in den Preisen verarbeitet, dass Öl bei einer konjunkturellen Erholung im kommenden Jahr teurer werden dürfte, schreiben die Rohstoff-Experten der Commerzbank. Ein möglicher Gewinn für Investoren werde dadurch weiter geschmälert. „Für Anleger sind die Möglichkeit und das Ausmaß eines Profits am Geschäft mit Öl-Derivaten sehr begrenzt“, sagen die Analysten derzeit.

Heino Elfert vom EID verweist auf eine weniger aufregende, aber auch weniger riskante Möglichkeit, am erwarteten Anstieg der Ölpreise zu verdienen: Aktien oder Fonds der großen Ölgesellschaften, die im Upstream-Geschäft, also der Ölförderung, tätig sind. Exxon Mobil, der weltgrößte Ölkonzern, sitze auf vielen Milliarden Dollar liquiden Mitteln und sei daher jederzeit bereit, durch eine Übernahme weiter zu wachsen. Auch der französische Total-Konzern sei gut aufgestellt, Conoco Phillips aus Texas dagegen zurzeit eher nicht. Eines haben alle großen Ölkonzerne wohl gemeinsam: 2009 dürften sie bessere Zahlen vorlegen als die Banken.

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