Rohstoffpreise : Das große Fressen

Agrarrohstoffe und Metalle werden teurer – die Krise war nur eine Atempause: Jede Minute wächst die Weltbevölkerung um 150 Menschen. Schon 2025 werden sich nach UNO-Schätzungen deshalb mindestens acht Milliarden Menschen – 1,3 Milliarden mehr als heute – die Ressourcen der Erde teilen müssen.

Veronika Csizi
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Schauplatz für Preissprünge. An der Chicagoer Warenterminbörse steigen die Preise für Zucker, Mais oder Baumwolle. Foto: AFPGETTY IMAGES NORTH AMERICA

Jede Minute wächst die Weltbevölkerung um 150 Menschen. Schon 2025 werden sich nach UNO-Schätzungen deshalb mindestens acht Milliarden Menschen – 1,3 Milliarden mehr als heute – die Ressourcen der Erde teilen müssen.

Allein dies ist für die meisten Beobachter des Rohstoffmarktes schon Grund genug, einen langjährigen Superzyklus für diese Anlageklasse zu prognostizieren. Edel- und Industriemetalle wie Kupfer, Silber und Nickel, Öl, Gas, aber auch Agrarrohstoffe wie Weizen, Mais oder Soja werden knapper und teurer. Die Finanzkrise stoppte diese Entwicklung und ließ auch Rohstoffpreise querbeet einbrechen. 2009 jedoch gehören viele Rohstoffe wieder zu den Gewinnern.

Zu den Spitzenreitern zählen aber nicht Öl und Gold (für das gleichwohl am Mittwoch ein Rekordpreis von 1149 Dollar je Feinunze gezahlt werden musste), sondern vor allem Blei, Kupfer und Palladium, deren Preise sich seit Januar teilweise mehr als verdoppelt haben. Eine Tonne Kupfer beispielsweise, neben Aluminium und Eisen das wichtigste Industriemetall und damit ein guter Indikator für die konjunkturelle Genesung, kostet aktuell 6805 Dollar. Zu Jahresbeginn lag der Preis um die 3000 Dollar, vor der Finanzkrise mussten dagegen auch schon knapp 9000 Dollar hingeblättert werden. Auch das Jahr 2010, prophezeien Deutsche Bank, Crédit Suisse, Unicredit und Goldman Sachs unisono, werde weitere deutliche Preissprünge bringen.

Optimistisch sind die Rohstoff-Experten der Banken neben Industriemetallen vor allem für Agrarrohstoffe (Soft Commodities), die sich bisher größtenteils noch nicht so stark verteuert haben. Während Kaffee, Kakao und Baumwolle um ein Fünftel bis ein Drittel teurer sind als zu Jahresbeginn, notieren Mais, Weizen und Soja – neben Reis die weltweit wichtigsten Grundnahrungs- und Futtermittel – etwa auf dem Niveau des Vorjahres oder sogar etwas darunter. Mais etwa kostet derzeit rund vier Dollar je Scheffel, 2008 waren es jedoch auch schon 7,50 Dollar. Hauptgrund sind die außerordentlich guten Ernten dieses Jahres, die beispielsweise beim Weizen die Nachfrage um rund 20 Millionen Tonnen überstiegen.

Beim Zucker hingegen ist die Situation umgekehrt: Weil in Indien der Monsunregen schwach blieb, war die Zuckerrohr- Ernte mager. Beim zweiten großen Zuckerproduzenten Brasilien gehen inzwischen 60 Prozent der Ernte in die Herstellung von Biotreibstoffen. Die Folge: Zucker wird knapper, der Preis an den großen Rohstoffbörsen in London, New York und Chicago, 2007 noch bei neun US-Cent je Pfund, liegt heute bei 23 Cent.

In alle Soft Commodities können auch Privatanleger direkt investieren, etwa über Zertifikate oder über sogenannte „Exchange Traded Commodities“. Diese ETCs bilden die Entwicklung eines Rohstoffs nach, ohne dass der Anleger ihn physisch kaufen oder selbst über Futures (Terminkontrakte) abbilden muss.

Wichtigster Anbieter ist ETF Securities, die mittlerweile auf nahezu alle Rohstoffe von Öl und Gold über Kaffee und Kakao bis zu Baumwolle und mageren Schweinen ETCs im Angebot haben. Dabei kann der Anleger in zwei Varianten sowohl auf steigende als auch auf fallende Preise setzen. Allerdings: Während die ETCs für Edelmetalle häufig Gold, Platin oder Silber physisch kaufen und hinterlegen, damit den Anleger gegen eine Pleite des Anbieters absichern, ist dies bei Agrarrohstoffen naturgemäß nicht möglich. Der Anleger trägt also neben dem Währungsrisiko (denn alle Rohstoffe werden in Dollar gehandelt) auch ein gewisses Emittentenrisiko.

Ohnehin haben immer mehr Anleger moralische Bedenken, dass direkte Investitionen in Agrarrohstoffe die Preise explodieren lassen. So müssen 43 von 53 afrikanischen Ländern Lebensmittel zu Weltmarktpreisen zukaufen. Dass nach Befürchtungen der Welternährungsorganisation Fao bald weit mehr als eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen erhalten, hat indes auch viele andere Gründe: So mahnt die UNO, dass der Klimawandel bereits ab einem Temperaturanstieg von nur zwei Grad die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika, Asien und Lateinamerika um bis zu 40 Prozent senken würde. Problematisch ist laut Fao zudem, dass ein steigender Anteil der Getreideproduktion in Biotreibstoffe und in Futtermittel gehe. Letzteres, um den rapide steigenden Fleischkonsum vor allem in Schwellenländern wie China zu decken. Die Verteuerung und Verknappung von Grundnahrungsmitteln, so die Quintessenz einer Studie der Deutschen Bank, könnte zu einem der Schlüsselprobleme der Zukunft werden.

Investitionen seien dringend nötig. Die Fao schätzt, dass etwa 44 Milliarden Dollar akut in der Agrarwirtschaft fehlen, etwa für Bewässerung, Landmaschinen, Kleinkredite, Logistik, Saatgut, Impfstoffe in der Tierhaltung oder Dünger. Landmaschinenkonzerne wie John Deere, Case New Holland oder Agco, US-Mutter des deutschen Traktorhestellers Fendt, planen eine Ausweitung ihrer Aktivitäten vor allem in China.

Anleger, die daran glauben, dass die Bedeutung der Landwirtschaft und ihrer Produkte in Zukunft wichtiger sein wird, können auch in Fonds oder Aktien investieren, etwa den DWS Global Agribusiness (Wertpapierkennnummer DWSS0BU) der Deutschen Bank, den Allianz RCM Global Agriculture Trends (A0NCGS) oder den Robeco Agribusiness Equities (A0RB5R). Alle drei investieren in Firmen wie den kanadischen Düngemittel- konzern Potash, den Saatgut- und Pflanzenschutzkonzern Syngenta, den asiatischen Palmölhersteller Wilmar International , den US-Agrokonzern Bunge Limited oder Düngemittelproduzenten wie Agrium oder Mosaic.

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