Finanzen : Steuer mit Vorlauf

Die Abgeltungsteuer kommt 2009. Anleger, die ihr Depot frühzeitig umschichten, haben später mehr davon

Veronika Csizi

Knapp 216 000 Euro lägen heute steuerfrei auf dem Konto eines Sparers, wenn er seit Juni 1977 jeden Monat 100 Euro in einen Fonds mit deutschen Aktien gelegt hätte. Die Sparleistung selbst beschränkte sich in den 30 Jahren auf 36 000, der Gewinn nach Kosten lag bei 180 000 Euro. Nach der neuen Gesetzeslage zur Abgeltungsteuer, die ab Januar 2009 in Kraft tritt, gingen von den 180 000 Euro nach Verkauf der Fondsanteile 2039 mehr als 46 000 Euro direkt an die Kasse des Finanzamts. Der Staat schöpft somit jeden vierten Euro vom Gewinn ab.

„Für Aktien- und Fondssparer ist die Steuer ein Schlag“, stellt die Stiftung Warentest fest. Dagegen können Anleger, die Bares auf der hohen Kante haben, dem Fiskus ein Schnippchen schlagen, indem sie noch in den nächsten 15 Monaten Aktien kaufen – oder sich Fonds mit sehr langfristigem Horizont ins Depot legen. Denn hier gilt unbefristet: Nach einem Jahr sind Gewinne komplett steuerfrei.

In den Produkt- und Marketingabteilungen der großen Fondsgesellschaften rumort es gewaltig. Der Finanz-Informationsdienst Drescher & Cie erwartet, dass deutsche Anleger bis Ende 2008 dreistellige Milliarden-Beträge bewegen werden, um der Steuer zu entgehen. Hunderte neue Fonds, prognostiziert Björn Drescher, werden in den kommenden Monaten auf den Markt kommen. Ein Prinzip wird dabei allen gemein sein: Zur Vermeidung der Steuer braucht der Anleger Fonds, die kleinen Vermögensverwaltungen ähneln. Da die Fonds selbst keine Abgeltungsteuer zahlen müssen, können auf Fondsebene je nach Börsenlage Gewinne realisiert und Strategien verändert werden – und das über Jahrzehnte.

Doch in der Branche selbst wird die Abgeltungsteuer nicht thematisiert weder in der Werbung noch im Internet. „Man hat eine Heidenangst, dass der Finanzminister uns noch kräftig in die Suppe spuckt“, sagt ein Fondsprofi. Befürchtet wird vor allem, dass das Finanzministerium die Übergangszeit bis 2009 noch verkürzt, um eine steuerschonende Produktoffensive im Keim zu ersticken. Dem Vernehmen nach hat das Ministerium intern unverhohlen damit gedroht. Eine Sprecherin wollte das so nicht bestätigen: Selbstverständlich drohe das Finanzministerium niemandem. Allerdings werde man „Steuerschlupflöcher, die sich neu öffnen, dann auch schließen“, sagte die Sprecherin.

Einem Trend aus den USA folgend haben die meisten Fondsanbieter bereits solche Fonds im Programm. Target- Funds heißen sie etwa bei der Investment-Gesellschaft Fidelity, Zielfonds bei der Deka, Flexpension bei der Fondstochter der Deutschen Bank DWS, FinanzPlan beim Deutschen Investment-Trust. Auch JP Morgan ist gerade in das deutsche Geschäft eingestiegen und bietet nun fünf neue „Life-Cycle-Fonds“ an. Der Anleger muss dann nur noch eine Zielvorgabe setzen – etwa, dass das Geld zu Rentenbeginn 2020 verfügbar sein soll. Alle Investment-Entscheidungen übernehmen die Fondsmanager: Je nach Risikoprofil und Laufzeit investieren sie zu Anfang stark in Aktien, schichten gegen Ende hin oder auch in Baisse-Phasen stärker in risikoärmere Anlagen um. Fidelity, die größte US-Fondsgesellschaft mit einem weltweiten Anlagevolumen von knapp 1,7 Billionen Dollar, hat hierzulande sieben Target-Funds im Angebot – Laufzeit-Ende zwischen 2010 und 2040. Bleibt die Gesetzeslage unverändert, werden die Gewinne aus solchen Zielfonds auch 2040 noch steuerfrei bleiben – wenn der Anleger sie bereits 2008 kauft. 17,2 Prozent im Jahr hat etwa der Fidelity Target 2020 erwirtschaftet, der dafür sorgen will, „dass das Geld stets optimal investiert ist“, so Fidelity-Sprecher Sinan Temelli.

Der Wunsch nach langfristiger Konservierung steuerfreier Wertzuwächse wird auch Dachfonds und reinen Indexprodukten zu einer Sonderkonjunktur verhelfen. „Eigentlich sind gar keine neuen Produkte notwendig“, sagt Frank Bock vom Fondsverband BVI. Über lange Zeiträume gäbe es keine Alternative zu Fonds, selbst mit Abgeltungsteuer. Mittlerweile kann der Anleger unter mehr als 100 verschiedenen Dachfonds, die selbst in andere Fonds investieren, wählen. Indexfonds eignen sich auch für eine längere Haltedauer. Hier fallen nur geringe Kosten an.

Der Transfer von Geld ins Ausland hilft dagegen nur begrenzt weiter. Zwar werden in Nachbarländern Zins-, aber keine Kursgewinne besteuert. So bleiben in der Schweiz, in Liechtenstein und Luxemburg Kursgewinne unangetastet, in Österreich gilt eine Spekulationsfrist von einem Jahr, und in Frankreich existieren sehr hohe Freibeträge. Auch in den USA sinkt die Steuerlast mit zunehmender Haltedauer. Doch müssen auch ausländische Töchter deutscher Kapitalanlagegesellschaften für deutsche Kunden die Abgeltungsteuer abführen und Anleger mit deutschem Wohnsitz sind verpflichtet, Erträge aus dem Ausland anzugeben. Da dies jedoch erst mit der Einkommensteuererklärung möglich ist, profitiert der Anleger von einer Steuerstundung. So findet sich bei Banken im Kleinwalsertal und bei österreichischen Online-Banken der dezente Hinweis, man unterliege „nicht dem Anwendungsgebiet der deutschen Steuergesetze“.

Reiche deutsche Anleger benötigen gar keine Target-Funds, um sich der Abgeltungsteuer zu entziehen. Sie können legal ein Steuerschlupfloch nutzen, das Luxemburg kürzlich geschaffen hat: In dem Herzogtum kann nun jeder seinen persönlichen Investmentfonds betreiben und steuerfrei Aktien und Fonds handeln. Die Eintrittshürden sind jedoch hoch: 1,25 Millionen Euro muss man mitbringen. Steuern fallen erst an, wenn das Geld wieder auf ein deutsches Konto überwiesen wird. Allerdings muss auch dieser Privatfonds noch 2008 eröffnet werden. Gleichzeitig ist die Abgeltungsteuer für Vermögende ohnehin ein Steuersparmodell: Ihre Maximalbesteuerung hat sich von 42 auf nun 25 Prozent nahezu halbiert.

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