Südafrika : Am Rand der Krise

Lange brachten Anleger ihr Geld wegen der hohen Zinsen nach Südafrika – jetzt ziehen sie es wieder ab.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]
Südafrika
Die schwache heimische Währung macht Reisen nach Südafrika billiger. -Foto: dpa

Südafrika hat in den vergangenen Jahren manch schwere Währungskrise durchlebt. Doch nie zuvor hat sein Rand einen derart heftigen Niedergang erlebt wie zuletzt. Binnen zehn Tagen ist die südafrikanische Währung um 30 Prozent gegenüber dem Dollar gefallen – und fast ebenso stark gegenüber dem Euro. Wer Mitte letzter Woche in Kapstadt Geld umtauschte, erhielt für einen Dollar zeitweise nur noch zwölf Rand, für einen Euro waren es zwischenzeitlich sogar mehr als 15. Seitdem hat sich die Währung leicht erholt. Dennoch belaufen sich die Verluste des Rands gegenüber Dollar und Euro in diesem Jahr nun auf rund 40 Prozent.

Der dramatische Niedergang der heimischen Währung weckt am Kap ungute Erinnerungen an die letzte schwere Randkrise vor sieben Jahren. Ende 2001 war der Rand dabei sogar kurzzeitig auf 13,85 Rand je Dollar abgestürzt, um sich dann im Zuge des Rohstoffbooms wieder zu erholen. Gegenüber dem Euro befindet sich der Rand jedoch bereits jetzt auf einem neuen Allzeittief. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil Europa der mit Abstand größte Handelspartner der Kaprepublik ist – und sich die Einfuhren von dort gerade im Vorfeld der am Kap ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft 2010 massiv erhöhen dürften. Immerhin: Noch sieht es so aus, als seien alle dafür geplanten Projekte nicht von der Krise betroffen. Allein der Stromkonzern Eskom dürfte Probleme bekommen, im Ausland die für den Ausbau des Stromnetzes benötigten Gelder aufzunehmen.

Beobachter sehen in dem beispiellosen Niedergang der südafrikanischen Währung eine direkte Folge der von der Finanzmarktkrise geschürten weltweiten Anlegerpanik – und der damit verbundenen Flucht von Anlegergeldern in die vermeintliche Sicherheit ihrer Heimatmärkte oder amerikanischer Schatzbriefe. Die Sorge, dass sich Südafrikas Rohstoffexporte wie Platin, Gold oder Chrom im Zuge einer weltweiten Rezession stark verringern und sich dieser Rückgang negativ auf das Wachstum am Kap auswirkt, hat viele Anleger zur Auflösung ihrer Randanlagen bewogen. Daran können auch die vergleichsweise hohen Zinsen am Kap nun nichts mehr ändern, die zuvor die gleichen Anleger zu einem Engagement ermuntert hatten.

Als Hochzinswährung hatte der Rand lange Zeit vom Renditehunger ausländischer Anleger im Rahmen der sogenannten Carry Trades profitiert. Carry Trades sind Transaktionen, bei denen institutionelle Anleger in den USA, Europa und vor allem in Japan Kapital aufnehmen und dieses an Märkten mit höheren Zinsen investieren, vor allem in Schwellenländern. In Südafrika liegt der Zinssatz aktuell bei rund 15 Prozent. Diese Engagements werden in Zeiten wachsender Unsicherheit jedoch aufgelöst, weil die durch den raschen Geldabzug bedingten Währungsverluste die zuvor erzielten Zinsgewinne komplett zunichtemachen. Denn was helfen die besten Zinserträge, wenn eben diese Gewinne von den hohen Wechselkursverlusten gleich wieder aufgefressen werden? Hatte der Rand während der nun zu Ende gegangenen Liquiditätsschwemme lange Zeit vom Zinsvorteil Südafrikas und dem hohen Risikoappetit der Anleger profitiert, ist jetzt das Gegenteil der Fall.

Deutlich wird nun, dass die jüngsten Wertverluste bei Hochzinswährungen wie dem Rand schon deshalb eine gewisse Berechtigung haben, weil sich die Wechselkurse dieser Währungen, bedingt durch das Engagement risikobereiter Anleger, stark von einer eigentlich angemessenen (niedrigeren) Bewertung entfernt haben. Gegenwärtig werden genau diese Verzerrungen abgebaut, wenn auch in extrem kurzer Zeit, was wiederum zu neuen Übertreibungen in die andere Richtung führt.

Gleichwohl ist ein Teil der Krise auch hausgemacht. Denn neben den aktuellen Turbulenzen haben auch eine Reihe ungelöster struktureller Probleme am Kap dazu beigetragen, dass die Währung so stark abgerutscht ist. Beispielsweise Südafrikas hohes Handelsbilanzdefizit. Begründet liegt dieses Defizit in dem ehrgeizigen Infrastrukturprogramm des Landes im Vorfeld der WM 2010, insbesondere dem Ausbau des lange vernachlässigten Stromsektors, aber auch der Konsumfreude vieler Südafrikaner. Gerade wegen seiner sehr niedrigen Sparquote ist Südafrika zum Ausgleich dieses Defizits seit langem auf Zuflüsse aus dem Ausland angewiesen, die nun jedoch versiegt sind.

Derzeit deutet wenig darauf hin, dass Südafrikas große Lücke in der Leistungsbilanz auf absehbare Zeit schrumpfen könnte, was für weiteren Druck auf die Währung sorgen dürfte. Erst zu Wochenbeginn hatte Südafrikas Finanzminister Trevor Manuel erklärt, dass er für 2009 ein Defizit in der Leistungsbilanz von 7,8 Prozent und für 2010 sogar von 8,9 Prozent erwarte. Diese Aussage dürfte die Nervosität vieler Anleger noch verschärft haben, zumal sich unter Südafrikas unmittelbaren Konkurrenten in den Schwellenländern nur die Türkei ein ähnlich hohes Defizit leistet.

Erschwerend kommt schließlich die politische Unsicherheit am Kap dazu, auch wenn dieser Faktor von den meisten Beobachtern diesmal als zweitrangig bewertet wird, da Südafrika bereits seit Jahren unter einem erbitterten Machtkampf im regierenden ANC leidet. Erst im September hatte ANC-Präsident Jacob Zuma den Machtkampf gegen den langjährigen Staatspräsidenten Thabo Mbeki gewonnen und diesen gestürzt. Wegen der Unterstützung Zumas durch den Gewerkschaftsbund Cosatu und die Kommunisten herrscht in Südafrika große Unsicherheit über den zukünftigen Wirtschaftskurs der Regierung. Allerdings haben sowohl der Übergangspräsident Kgalema Mothlante als auch Zuma selbst betont, an der konservativen Geldpolitik ihres Vorgängers festzuhalten. Die jüngste Randkrise wird ihnen auch kaum eine andere Möglichkeit lassen, es sei denn, sie wollen den Totalkollaps der Währung riskieren.

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