Telekom-Prozess : "Ich bin kein lebender Kalender“

Anlegerprozess: Der frühere Telekom-Chef Sommer hat Erinnerungslücken. 16.000 Anleger haben geklagt, weil sie sich durch die T-Aktie geprellt sehen.

Rolf Obertreis
ron sommer
Der T-Chef. Ron Sommer will sich nur um die "große Linie" gekümmert haben. -Foto: dpa

Frankfurt am Main - Nach eineinhalb Stunden platzt Ron Sommer der Kragen. Als ihn Klägeranwalt Andreas Tilp fragt, ob es bei der Übernahme der US-Firma Voicestream durch die Telekom am 23. Juli 2000 Zuwendungen an den damaligen Vorstandschef des Bonner Konzerns gegeben hat, reagiert der 58-Jährige erbost. „Natürlich nicht. Ich halte ihre Frage gelinde gesagt für eine Frechheit.“ Es dauert einige Augenblicke, bis sich Sommer wieder im Griff hat.

Pünktlich um zehn Uhr hat der frühere Chef der Telekom als erster Zeuge den provisorischen Gerichtssaal in der Stadthalle Bornheim im Frankfurter Norden betreten. Nicht wie Richter, Anwälte, Journalisten und die wenigen Zuhörer durch den Haupteingang: Sommer kommt durch einen kleinen Seiteneingang, meidet das Licht der Fernsehkameras vor dem Saal. Mit Spannung wurde der Auftritt Sommers im bislang größten Anlegerprozess der Republik erwartet, in dem 16 000 vermeintlich geprellte Aktionäre, vertreten durch einen Musterkläger, gegen die Telekom klagen, weil diese angeblich beim dritten Börsengang am 19. Juni 2000 nicht ausreichend auf bestehende Risiken hingewiesen hat.

Dazu gehört die 39 Milliarden Euro teure Übernahme der US-Mobilfunkfirma Voicestream. Sommer soll die Umstände erläutern. Akkurat gekleidet im dunklen Anzug mit rotem Einstecktuch, weißem Hemd und rot gestreifter Krawatte, nimmt der immer noch jugendlich wirkende Manager in Begleitung seines Anwaltes auf dem Podium rechts vom Gericht Platz. Das Gesicht ist ernst, seine innere Spannung kann Sommer nicht verbergen, vom früheren Sonnyboy keine Spur. Juli 1949 nennt er unpräzise als Geburtsdatum, Aufsichtsrat als Beruf. Zu erreichen sei er über die Telekom.

So wie bei diesen Angaben bleibt Sommer mitunter merkwürdig unpräzise, offenbart trotz angeblich intensiver Vorbereitung Erinnerungslücken. „Ich bin kein lebender Kalender“, führt er mehrfach auf Nachfragen vor allem von Klägeranwalt Tilp pikiert als Entschuldigung an. Allerdings wird schnell deutlich: Sommer hält die Vorwürfe in Sachen Voicestream für absurd. „Bis Mitte Juli gab es keinen Anlass, im Börsenprospekt irgendetwas zu berichten“, stellt er klar. Erst vier Wochen nach dem dritten Börsengang habe es grünes Licht für ernsthafte Verhandlungen mit Voicestream gegeben, als sich Gespräche mit anderen US-Firmen als nicht zielführend erwiesen hatten. Innerhalb von einer Woche war die Übernahme dann besiegelt.

Tilp freilich gibt sich damit nicht zufrieden, er versucht Sommers Glaubwürdigkeit zu erschüttern, sieht im Zeugen eher den Angeklagten. Sommer sagt, er habe im März 2000 einmal mit Voicestream-Chef John Stanton gesprochen. „Das Treffen, das wir am 13. März in einem New Yorker Hotel hatten, war ein gegenseitiges Abtasten.“ Man habe hypothetische Szenarien durchgespielt, ohne an den Punkt zu kommen, dass eine Übernahme wahrscheinlich wurde. „Wir hatten das Gefühl, dass sei nur schwer zu realisieren.“ An ein zweites dokumentiertes Treffen Ende März kann sich Sommer nicht erinnern. Auch den Inhalt eines Telefonats mit Stanton am 15. Juni hat er nur grob präsent. Und Details über unverbindliche Angebote der Telekom an Voicestream vom 6. Juni und vom 5. Juli weiß er ebenfalls nicht. Damals habe man mit vielen Unternehmen auch in den USA gesprochen und viele unverbindliche Angebote gemacht. „Wir wollten uns alle Optionen offenhalten.“

Die Unschärfen in Sommers Ausführungen bestärken Tilp, detailliert nachzufragen. Was Sommer äußerlich mit starrer Miene zur Kenntnis nimmt. Innerlich schäumt er. „Herr Tilp“, bricht es einmal aus ihm heraus, „sie scheinen keine Ahnung vom Arbeitsablauf bei einem Vorstandschef eines so großen Konzerns zu haben.“ Er habe sich um die große Linie gekümmert, nicht um Details. Mehrfach wiederholt Sommer bereits formulierte Antworten.

Für den Klägeranwalt offenbart der Zeuge Sommer „Erinnerungslücken“. Zwar räumt Tilp in einer Pause ein, dass die Übernahme von Voicestream erst vier Wochen nach dem Börsengang unter Dach und Fach war. „Trotzdem fühlen wir uns darin bestätigt, dass im Börsenprospekt mehr hätte berichtet werden müssen.“ Tilp wird weiter bohren, erst einmal bei Ron Sommer. Und in den nächsten Tagen bei dessen Nachfolger Kai-Uwe Ricke und beim noch amtierenden Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick.

Ob die Kläger dabei Pluspunkte sammeln können, ist fraglich. Selbst ein Telekom-Aktionär im Gerichtssaal winkt ab. „Was Ron Sommer sagt, ist in Ordnung. Dieser Prozess ist eine Farce. Wer Aktien kauft, muss um das Risiko wissen.“ Rolf Obertreis

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