US-Notenbank : Die Bewährungsprobe

US-Notenbankchef Ben Bernanke vollzieht eine Gratwanderung: Liquiditätsspritzen und niedrigere Zinsen sollen die Märkte beruhigen. Ein riskanter Weg.

Wall Street Foto: AFP
Aktienhändler an der Wall Street. -Foto: AFP

Miami - Niemand versteht eine Kreditkrise besser als Ben Bernanke, sollte man meinen. Der Chef der US-Notenbank hat als Professor an der Princeton University die Ursachen der Großen Depression im vergangenen Jahrhundert erforscht und drei Bücher über Makroökonomie verfasst. Womöglich hat den nüchternen Wissenschaftler und Geldpolitiker nach den Turbulenzen der vergangenen Tage nun die Panik gepackt und zu der Zinssenkung am Freitag provoziert. Der Coup ist jedenfalls – unter dem Gesichtspunkt der Überraschung – geglückt, die Aktienmärkte reagierten euphorisch. Doch eigentlich war das so wohl nicht geplant, denn Bernanke wird nachgesagt, die Arbeit der Fed stärker als sein Vorgänger an Inflationszielen zu orientieren.

Vielleicht hat Bernanke aber auch auf Jim Cramer gehört. Der TV-Finanzguru, bekannt für seine theatralische Präsentation, explodierte letzte Woche vor Ärger und brüllte im Fernsehen: „Bernanke hat keine Ahnung, wie schlimm es da draußen zugeht, die Fed schläft.“ Da draußen ist Krise, platzen Hypothekenkredite, kommen Banken ins Trudeln und müssen Fonds geschlossen werden. „Öffnet die Schleusen“, rief Cramer Richtung Fed und Bernanke. Jetzt bekam er Gehör und den gewünschten Zinsschritt.

Statt wie sein legendärer Vorgänger Alan Greenspan in schwieriger Zeit die Zinsen zu senken („Greenspan- Put“), hatte der oberste Währungshüter bis Freitag den „Bernanke-Put“ für die Märkte verweigert. Und signalisierte damit, dass die Inflation die Hauptsorge der Zentralbank bleibt, und er sich nicht als Feuerwehrmann für millionenschwere Hedgefonds-Investoren und Hypothekenfinanziers versteht. Doch jetzt wurde der Druck der Märkte so groß, dass er sich nicht länger verweigern konnte. Dabei hatte die Fed wie auch die Zentralbanken in Europa und Asien in den vergangenen Tagen immer wieder mit Geldspritzen das Bankensystem mit Liquidität versorgt. Von Untätigkeit konnte also keine Rede sein.

Bernankes Kurs ist eine Gratwanderung. Kritiker attackieren seit Wochen seine Beruhigungsrhetorik. So hatte er noch Ende März gegenüber dem Kongress erklärt, dass die Hypothekenkrise „aller Wahrscheinlichkeit nach in Schach gehalten“ wird. Im Juli korrigierte er die Einschätzung und prophezeite, dass die Probleme „wahrscheinlich erst schlimmer werden, bevor sie besser werden“. Das sind Sätze, die an den Märkten die Kurse purzeln lassen.

Statt Worten also nun Taten. Die Zinssenkung vom Freitag ist die erste nach insgesamt 17 Erhöhungen in den vergangenen zwei Jahren. Und mit der Maßnahme wird die Fed mal wieder ihrem Ruf gerecht, die Hüterin der US-Wirtschaft zu sein, wie er von Greenspan und dessen Vorgänger Paul Volcker erarbeitet worden war. 1913 war die amerikanische Notenbank als regierungsunabhängige Institution gegründet worden.

Die Krise in den USA wuchert gewaltig. Aus den Zahlungsschwierigkeiten einiger US-Hausbesitzer ist ein globales Problem geworden. Mittlerweile sind in den USA Schwergewichte der Hypothekenbranche zu Boden gegangen oder kämpfen ums Gleichgewicht. Es ist die erste große Bewährungsprobe für Bernanke, einen brillanten Theoretiker, der Anfang Februar 2006 Alan Greenspan ablöste. Doch statt wie dieser belagerten Finanziers und Spekulanten mit Zinssenkungen unter die Arme zu greifen, fokussiert Bernanke darauf, dass die Banken ausreichend Geld zur Verfügung haben, um ihre Tagesgeschäfte abzuwickeln.

Doch die Finanzindustrie hat in den vergangenen Jahren derart kreative Fonds aufgelegt, dass nicht nur Investoren das Risiko erst jetzt erkennen. Auch Bernanke hat offenbar einige Zeit gebraucht. Die Krise auf dem Immobilienmarkt hat Auswirkungen auf die gesamte US-Wirtschaft, die zu zwei Dritteln von den Privathaushalten angefeuert wird. Und letztere haben in den vergangenen Jahren dank niedriger Zinsen zwar kräftig konsumiert, aber kaum Rücklagen für magere Zeiten gebildet.

Nach Einschätzung vieler Konjunkturforscher ist die Wahrscheinlichkeit einer Rezession innerhalb der letzten Wochen von eins zu sechs auf eins zu drei gestiegen. „Das Risiko wird weiter mit jedem Tag steigen, an dem die Finanzmärkte in Unruhe sind“, sagt der Chefvolkswirt von Moody’s Economy.com. Mal sehen, wie lange Bernankes Beruhigungspille vom Freitag reicht. rn/alf

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