US-Notenbank Fed : Wie Janet Yellen Reiche reicher und Arme ärmer machte

In den USA und in Großbritannien ist eine Debatte darüber entbrannt, ob Staatsanleihekäufe der Notenbanken die soziale Ungleichheit vergrößert haben. Das könnte Kritiker beflügeln, die gegen mögliche Käufe durch die EZB sind.

Andreas Oswald
Beklagte die ökonomische Ungleichheit in den USA: Fed-Chefin Janet Yellen bei ihrer Rede am vergangenen Freitag in Boston.
Beklagte die ökonomische Ungleichheit in den USA: Fed-Chefin Janet Yellen bei ihrer Rede am vergangenen Freitag in Boston.Foto: Reuters

Die Zuhörer hoben ihre Augenbrauen, als Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank Fed, plötzlich sagte, die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen in den USA machten ihr große Sorgen, und sie frage sich, ob diese Ungleichheit mit amerikanischen Werten zu vereinbaren sei. Diese Worte sind äußerst ungewöhnlich für eine Notenbank-Chefin, die sich eigentlich aus solchen Fragen heraushalten müsste. Schließlich ist sie ausschließlich der Preisstabilität und der Stabilität der Wirtschaft verpflichtet. Es könnte sein, dass Janet Yellen einer Kritik zuvorkommen wollte, die sich immer lauter erhebt und die sich gegen Sie und ihre Institution richtet.

Die Debatte dreht sich um folgende Frage: Haben die Käufe von Staatsanleihen durch die Notenbanken der USA und Großbritanniens die Reichen reicher gemacht und das auf Kosten der Ärmeren?

Unmittelbar vor Ende des Kaufprogramms unter dem Namen QE3 - das dritte Programm dieser Art, genannt Quantitative Easing - bemühen sich Fachleute zunehmend um die Frage, ob dieses Programm sinnvoll war, ob es gewirkt hat und wie und warum. Janet Yellen kann froh sein, dass die Debatte erst jetzt hochkocht. Wäre sie früher entbrannt, hätte sie QE3 möglicherweise in Gefahr gebracht. Die Frage kann auch Kritiker beflügeln, die gegen demnächst mögliche und von anderen Ländern geforderte Staatsanleihekäufe durch die EZB sind.

In den USA besitzen die reichsten fünf Prozent der Haushalte 82 Prozent der Aktien

Die Antwort auf die Frage, ob QE3 die Reichen auf Kosten der Ärmeren reicher gemacht hat, scheint eindeutig zu sein. Der Kauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken sollte bewirken - und das geschah dann auch -, dass die Zinsen für Staatsanleihen sinken und Anleger auf der Suche nach Rendite gezwungen sind, riskantere Unternehmensanleihen sowie Aktien zu kaufen, damit die Realwirtschaft mit Kapital versorgt wird und investieren kann. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die Aktienkurse steigen und die Renditen der Staatsanleihen und die Zinsen für Sparer sinken. Von den steigenden Aktienkursen profitieren in erster Linie Reiche, von niedrigeren Staatsanleiherenditen sind vor allem ärmere Teile der Gesellschaft betroffen, vor allem Sparer, die ihr Geld für eine Aufbesserung ihrer Altersversorgung sicher anlegen wollen, und deshalb direkt oder indirekt auf Anleihen hoher Bonität angewiesen sind.

Diese Kritik wurde ausgerechnet von der Bank of England genährt, die laut "Financial Times" in einer Studie schrieb, QE habe die Aktienkurse in die Höhe getrieben und damit den Wohlstand jener Haushalte gemehrt, "die zu den oberen fünf Prozent gehören und 40 Prozent der Aktien besitzen".

In den USA besitzen die reichsten fünf Prozent der Haushalte sogar 82 Prozent der Aktien.

Kritik kam vor allem von Interessengruppen der Rentner und Pensionäre. Einer ihrer Sprecher verglich QE mit einer "gewaltigen Steuererhöhung für Rentner und einer gewaltigen Steuersenkung für Banken, Reiche und Schuldner".

Der S&P 500 - das ist der marktbreite amerikanische Index mit den 500 größten US-Aktien - stieg seit seinem Tiefpunkt in der Finanzkrise 2009 bis zu seinem Hoch in diesem Sommer um 170 Prozent.

Es gibt auch Experten, die die Notenbanken in Schutz nehmen

Es gibt aber auch Experten, die die Notenbanken gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie hätten die Reichen reicher gemacht. James Bullard von der St Louis Fed und Richard Barwell von der Royal Bank of Scotland argumentieren, dass die Schuld für die größere Ungleichheit nicht speziell bei den Notenbanken liege, weil jede Politik und jede Maßnahme, die das Wirtschaftssystem rettet oder die Konjunkturaussichten verbessert, zwangsläufig zu höheren Aktienkursen führen, weil dann die Anleger die Zukunft positiver sehen.

Die grundlegende Tatsache, dass Reiche von Aktiensteigerungen profitieren, ist in der Tat nicht Schuld der Notenbanken und es ist nicht Aufgabe der Notenbanken zu verhindern, dass die Aktienkurse steigen. Jede Anstrengung, mehr Gleichheit herzustellen, muss an anderer Stelle ansetzen, nicht bei den Notenbanken, die dafür nicht zuständig sind.

Umso irritierender ist, dass die Fed-Chefin Janet Yellen plötzlich über Ungleichheit redete. Aber was genau sagte sie? Ihre Rede hielt sie vergangenen Freitag in Boston. Sie verwies laut "Financial Times" auf Studien der Fed zur Ungleichheit - wobei es bemerkenswert ist, dass die US-Notenbank Studien zu Ungleichheit erhebt - und markierte vier Felder, auf denen Chancen ungleich verteilt seien. Sie verwies auf das US-Schulsystem, in dem Schulen mit lokalen Steuern finanziert werden. Dies führe dazu, dass in reicheren Gebieten mehr Geld und bessere Schulen mit besseren Lehrern vorhanden seien. Der zweite Bereich seien die Universitäten, die eine wichtige Quelle ökonomischer Chancen seien, wobei sich Ärmere bessere Universitäten nicht leisten könnten. Zwei weitere Felder von Ungleichheit seien die Möglichkeiten, ein Gewerbe zu starten, das ökonomische Chancen eröffne sowie Erbschaften.

Was die Notenbank da tun kann, sagte sie nicht. Aber es fällt nach ihrer Rede schwerer, ihr, die es gut meint, die Schuld an der größeren Ungleichheit durch QE3 zu geben.

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