Verbraucher : Wann kommt die Zinswende?

vorerst bleiben die Marktzinsen kümmerlich, dich die Zinswende wird an den Geldmärkten heiß diskutiert. Wie sich Sparer und Kreditnehmer auf die Geldpolitik einstellen sollten.

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Wie sehen die Herren des Geldes die Zukunft? EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und der Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke. Fotos:...X00848

Kommt sie schon zur Jahresmitte oder kommt sie noch nicht? Kaum eine Frage wird derzeit an den Geldmärkten mehr diskutiert als die Frage der Zinswende. Die meisten Experten und Banken gehen davon aus, dass die großen Notenbanken im Sommer damit beginnen werden, die Zinszügel wieder sachte anzuziehen.

Die Deutsche Bank glaubt, dass der Leitzins in Europa bis zum Jahresende auf zwei Prozent und in den USA auf 1,5 Prozent klettern wird. Auch die Crédit Suisse, die Bank of America oder die Postbank gehen von Erhöhungen in ähnlicher Größenordnung aus. Für den Anleger bedeutet dies: Anlage- wie Kreditzinsen könnten wieder deutlich steigen.

Derzeit liegen die Leitzinsen auf einem Rekordtief. In Europa notiert der führende Satz seit Mai 2009 bei einem Prozent, in den USA sogar seit mehr als einem Jahr nahe null Prozent. Die US-Notenbank bestätigte am Mittwoch abermals das historische Zinstief in der Spanne zwischen 0,0 und 0,25 Prozent. Zugleich machte der Offenmarktausschuss deutlich, dass die Konjunkturlage „für einen längeren Zeitraum“ Anlass biete, den Zins auf „außergewöhnlich niedrigem Niveau“ zu belassen.

Vorerst bleiben die Marktzinsen kümmerlich. Wer 5000 Euro in täglich verfügbares Tagesgeld steckt, kann im Schnitt nicht mehr als 1,25 Prozent erwarten. Vor einem Jahr waren es noch über drei Prozent. Legt ein Anleger Festgeld für drei Monate zur Seite, darf er nach Recherchen der Frankfurter FMH Finanzberatung nur mit 0,88 Prozent Rendite rechnen. Verzichtet man für ein Jahr auf sein Geld, seien es im Schnitt auch nur 1,38 Prozent, so FMH. Umgekehrt dürfen sich Kreditkunden wie beispielsweise Bauherren über rekordverdächtig günstige Zinsen freuen: Für zehnjährige Hypotheken verlangen Banken derzeit durchschnittlich knapp über vier Prozent. Selbst 20-jährige Zinssicherheit ist ab 4,5 Prozent effektiv zu haben. „Die heutigen Zinssätze für Baudarlehen mit langen Laufzeiten gehören zu den günstigsten der vergangenen 50 Jahre“, fasst Robert Haselsteiner, Vorstand des Baukreditvermittlers Interhyp, zusammen.

Wird die Zinswende Wirklichkeit, so könnte sich das schnell ändern. Doch die Zentralbanken stecken in einem Dilemma: Verlassen sie das Zinstief zu schnell, könnte das zart wachsende Konjunktur-Pflänzchen wieder vertrocknen, weil Zinserhöhungen Investitionsfreude und Kreditvergabe dämpfen würden. Warten sie zu lange, werden die Geldmärkte weiter mit Liquidität überschwemmt, Inflationsrisiken provoziert und Spekulationsblasen ermöglicht. „Die Notenbanken können derzeit nur auf Sicht fahren“, sagt Stefan Schneider, Chief International Economist bei der Deutschen Bank. Denn die Unsicherheit darüber, ob der weltweit feststellbare Aufschwung selbsttragend oder nur eine Folge staatlicher Anreize ist, sei „groß wie nie“. Dennoch bewegt sich die Notenbank in jedem Fall wieder in Richtung Zinsnormalität, prognostiziert Schneider: „Ein Stimulus kann nicht mehrere Jahre stattfinden.“ Leitzinsen zwischen 2,5 und drei Prozent seien zudem konjunkturneutral: Die Wirtschaft werde dadurch weder gebremst noch beschleunigt.

Schneiders Botschaft für den Anleger: „Hände weg von langfristigen Zinsbindungen.“ Wer Geld anlegen möchte, solle sich auf kürzere Laufzeiten beschränken, um später von höheren Sätzen profitieren zu können. Die Stiftung Warentest rät, sich für maximal drei Jahre zu binden. Wer flexibel bleiben und doch von steigenden Zinsen profitieren möchte, ist mit Tagesgeldern gut aufgehoben: Sie verzinsen variabel, das Geld bleibt verfügbar. Die besten Sätze bieten hier die Bank of Scotland mit 2,3 Prozent oder Santander Direkt mit 2,1 Prozent. Mit höheren Sätzen werben nur Banken, die auf Neukundenfang sind, etwa Cortal Consors mit 3,5 Prozent.

Die Stiftung Warentest empfiehlt, sich auch in der Niedrigzinsphase nach kurzfristig attraktiven Schnäppchen umzusehen. Zwar wirke der Zins mager. Doch unter dem Strich sei er nicht niedriger als noch vor ein, zwei Jahren. Der Grund: Die Inflationsrate zehrt nur sehr gering an den Renditen. Tagesgelder, die 2008 noch drei Prozent und mehr abwarfen, vermehrten sich nach Abzug der Inflationsrate von damals 2,6 bis drei Prozent deshalb nur auf den ersten Blick stärker als heute. Da steigende Zinsen auch von steigender Inflationsrate begleitet sein könnten, ist die Hoffnung auf eine baldige Zinswende also ein zweischneidiges Schwert.

Für Kreditnehmer könnten dagegen weniger erfreuliche Zeiten anbrechen. So dürfte der Traum vom Eigenheim bald deutlich teurer werden. „In einem Jahr sind die Bauzinsen mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich höher als jetzt“, sagt Max Herbst von FMH. 100 Basispunkte mehr werde der Kunde dann für 10-jähriges Baugeld zahlen müssen. Beeinflusst wird der Langfristsatz vor allem von den Zinssätzen an den Anleihenmärkten. Derzeit werfen zehnjährige Bundesanleihen 3,2 Prozent ab. Sollte das allgemeine Zinsniveau steigen oder die Nachfrage nach deutschen Staatspapieren fallen, dann werden die Sätze anziehen. Die Deutsche Bank glaubt, dass die Renditen Ende 2010 bei glatt vier Prozent liegen.

Derzeit ist die Finanzierung einer Wohnung oder eines Hauses sehr günstig: 4,09 Prozent effektiv verlangen die Banken, Versicherungen und Baugeldvermittler im Schnitt für eine zehnjährige Hypothek, hat Herbst ermittelt. Steigen die Zinsen um einen Prozentpunkt, dann verteuerte sich ein Zehn-Jahres-Darlehen über 200 000 Euro (bei einem Prozent Tilgung) von rund 835 auf 995 Euro pro Monat. In den zehn Jahren bis zur Fälligkeit der Hypothek müsste der Schuldner damit fast 18 000 Euro mehr Zinsen zahlen, nämlich knapp 94 000 Euro. Interhyp- Vorstand Robert Haselsteiner rät, die günstigen Zinsen nun „mit möglichst lang laufenden Hypotheken“ auszunutzen. Auch Deutsche-Bank-Volkswirt Schneider glaubt, „dass man mit Baufinanzierungen nicht allzu lange warten sollte“.

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