Finanzen : Viele Tipps – wenige Treffer

Analysten sprechen häufig in Rätseln. Wie Anleger aus den Empfehlungen der Experten schlau werden

Veronika Csizi

Allianz kaufen, Commerzbank verkaufen? Air Berlin halten, Lufthansa reduzieren? – Wer sein Depot mit Aktien bestücken möchte und über mögliche Käufe oder Verkäufe grübelt, kann allein für die deutschen Dax-Werte die Urteile von rund 40 verschiedenen Bankanalysten studieren. Allerdings belegen neue Untersuchungen: Anleger könnten ebenso gut würfeln. Mit einer Trefferquote von 50 Prozent wäre das in jedem Fall erfolgreicher als der Durchschnitt deutscher wie internationaler Finanzanalysten.

Das Anlegerportal Sharewise aus München hat die Treffsicherheit der Analysten kürzlich genauer unter die Lupe genommen und dabei 6700 Aktienempfehlungen von 32 Banken und Finanzinstituten aus eineinhalb Jahren untersucht. Als Treffer gewertet wurde eine Kauf- oder Verkaufsvotum nur, wenn der Wert seit der Empfehlung fünf Prozent gestiegen beziehungsweise fünf Prozent gefallen war oder wenn das genannte Kursziel erreicht wurde. Das ernüchternde Ergebnis: Im Schnitt gab weniger als die Hälfte der Analysten den richtigen Tipp. Gerade einmal 44,11 Prozent der Prognosen trafen ins Schwarze.

„Im Casino auf Rot oder Schwarz zu setzen, hätte wohl eine bessere Trefferquote gebracht“, resümiert Sharewise-Geschäftsführer Nicolas Plögert. Allerdings: Nicht alle Analysten und Banken lieferten schlechte Ergebnisse ab. So gab der „Testsieger“ – die französische CAI Cheuvreuz – eine Tochter der Großbank Crédit Agricole, in drei von vier Fällen eine korrekte Prognose ab. Auch die BHF Bank und die Commerzbank liegen auf den vorderen Rängen. Die Citigroup und die Deutsche Bank, die zu den größten Banken der USA und Europas zählen, lagen mit Trefferquoten von rund einem Drittel zurück.

VERPASSTE CHANCEN

Ein Beispiel: Im November 2007 stufte die Deutsche Bank die Aktie des Versicherungskonzerns Allianz als klaren Kauftipp ein mit einem Kursziel von 171 Euro. Der Analyst reduzierte zwar seither kontinuierlich sein Kursziel bis auf 144 Euro, beharrte jedoch konsequent auf seiner Kaufempfehlung. Ein Blick auf den aktuellen Kurs zeigt, dass ein gesenkter Daumen weitaus sinnvoller gewesen wäre: am Mittwoch notierte die Allianz bei gut 108 Euro und damit rund 30 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

Umgekehrt gibt es ähnliche Beispiele: Vor einem Jahr hielt kaum ein Analyst die VW-Aktie für kaufenswert. Hypo- Vereinsbank, SEB, Commerzbank, Deutsche Bank, Société Générale und Citigroup glaubten allesamt, die Aktie sei eine Verkaufs-, bestenfalls eine Halteposition. Einzig die WestLB und die NordLB votierten für einen Kauf. Das Ergebnis: Wer den trüben Prognosen der Mehrheit folgte, hat auf Jahressicht einen Kursgewinn von rund 38 Prozent verpasst.

„Zwei von drei Analysten liegen völlig falsch, sogar in der grundsätzlichen Tendenz“, bestätigt auch Marco Cabras, der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Ein Privatanleger dürfe sich deshalb grundsätzlich nicht auf das Urteil eines Analysten verlassen, sondern müsse sich selbst ein Bild von einer Wunschaktie machen.

Gute Anhaltspunkte für die Kauf- oder Verkaufentscheidung gibt nach Erkenntnissen von Sharewise auch die Frage: Was machen die Vorstände? Nicolas Plögert rät, sich die sogenannten Directors Dealings anzusehen, also zu klären, ob leitende Angestellte oder Vorstandsmitglieder einer Aktiengesellschaft selbst gerade eher kaufen oder verkaufen. Diese Aktiengeschäfte müssen veröffentlicht werden.

WENIGE VERKAUFSEMPFEHLUNGEN

Stutzig machen sollte einen Anleger auch die Dominanz von Kaufempfehlungen, sagt Plögert. „Analysten tun sich vor allem mit klaren Verkaufempfehlungen sehr schwer“, weiß der Sharewise-Geschäftsführer. Oft unterhalte eine Bank geschäftliche Beziehungen zu dem bewerteten Unternehmen und sei daher in einem Interessenkonflikt. Plögert: „Da setzt man ein Papier lieber erst mal auf ,halten‘.“ Nur rund 15 Prozent der Empfehlungen lauten derzeit auf „sell“ (verkaufen), dagegen 60 Prozent auf „buy“ (kaufen), der Rest auf einem neutralen „hold“ (halten), das jedoch in Wahrheit oft faktisch einer Verkaufsempfehlung entspricht.

Manche Banken stufen diese groben Raster weiter ab und verfeinern Kaufempfehlungen mit „accumulate“ oder „add“ (zu- oder nachkaufen), „strong buy“ oder „key buy“ (klarer Kauf mit hohen Chancen) und „outperform“, wonach sich eine Aktie deutlich besser als der Markt entwickeln soll. Letzteres muss in einem generell fallenden Markt freilich nicht bedeuten, dass sie unter dem Strich zulegt. Umgekehrt werden Verkaufsvoten häufig in „underperform“ (Aktie entwickelt sich schlechter als der Markt) und „reduce“ (Position abbauen) untergliedert.

Dass Interessenkonflikte ein ernstzunehmendes Problem sind, zeigte zuletzt die US-Bank Merrill Lynch, die am Übernahmekampf um Continental durch die Schaeffler- Gruppe beteiligt war, gleichzeitig jedoch der Conti-Aktie kurzfristig die Kaufempfehlung entzog, das Kursziel von 110 auf 60 Euro herabsetzte und die Aktie so unter Druck setzte.

Fragen hinterlässt auch die Bewertung von Air Berlin durch die Deutsche Bank, die kürzlich ein „Hold“-Votum mit einem Kursziel von 9 Euro erneuerte, gleichzeitig aber ihre eigene Beteiligung an Air Berlin seit dem Frühsommer von 13 auf unter drei Prozent reduziert hat. Air Berlin notiert derzeit bei 3,85 Euro.

BANKEN WEHREN SICH

Die Banken weisen jegliche „Zusammenarbeit“ von Investment- und Analyse-Abteilung strikt von sich und verweisen auf unüberwindbare „Chinese Walls“. Christian Streckert, Sprecher der Deutschen Bank, hebt zudem hervor, dass im Anhang an jede Analyse, wie nach dem Wertpapierhandelsgesetz vorgeschrieben, mögliche Interessenkonflikte veröffentlicht werden. Nicht zuletzt müsse Privatanlegern klar sein, dass eine Analyse „keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf ist beziehungsweise dass sie eine Beratung durch die Bank nicht ersetzen kann“.

Merrill Lynch verwies im Fall Conti auf die in den USA ungleich strengere Überwachung der Unabhängigkeit von Analysten. So sei bei Gesprächen zwischen Analyse- und Investmentabteilung immer ein Rechtsanwalt anwesend. Selbst ein Mailverkehr werde unterbunden. 2003 verurteilte die Börsenaufsicht SEC zehn Investmentbanken zur Zahlung von insgesamt 1,4 Milliarden Dollar Strafe, weil sie Aktien in eigenem Investmentinteresse empfohlen hatten. Der damals gefeierte Internetanalyst Henry Blodget von Merrill Lynch hatte die Aktie Infospace auf die Liste der „Bevorzugten 15“ gesetzt – sie intern jedoch als „Stück Dreck“ bezeichnet.

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