Vor Börsenbeginn : Eurostat veröffentlicht Defizite der Euro-Länder - Dax leicht im Plus

Das Europäische Statistikamt veröffentlicht heute die Defizite der Euroländer. Es wird sich zeigen, ob die Peripherieländer die Wahrheit gesagt haben. Davon hängen weitere Hilfen ab. Der Dax liegt vorbörslich leicht im Plus.

Andreas Oswald
Börse in Frankfurt.
Börse in Frankfurt.Foto: dpa

Das Europäische Statistikamt Eurostat veröffentlicht an diesem Mittwoch um 11Uhr Zahlen zu den Defiziten und Schuldenbergen in Europa. Dann wird sich zeigen, ob die Peripherieländer Recht haben, wenn sie sagen, ihre Lage habe sich deutlich gebessert. Von den Zahlen sind Auswirkungen auf die Börsen zu erwarten. Die Statistiker geben eine erste Schätzung zur Lage der EU- und der Euro-Staaten im Jahr 2013 ab, wie dpa meldet. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Euro-Krisenländer wie etwa Griechenland, dessen Haushaltslage sich zuletzt gebessert hatte. Den Griechen war Anfang April die Teilrückkehr an den Kapitalmarkt gelungen.

Nach Eurostat wird die EU-Kommission später die Zahlen genauer präsentieren

Während das griechische Defizit 2012 noch 9 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen hatte, geht Athen für 2013 von einem primären Haushaltsüberschuss aus - also ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen bei der Staatsschuld. Dieser Überschuss soll 1,5 Milliarden Euro betragen. Allerdings werden die Eurostat-Zahlen dazu keinen Aufschluss geben, weil sie sämtliche staatliche Ausgaben miteinbeziehen. Erst am Nachmittag will die EU-Kommission neu berechnete Zahlen zum griechischen Primärüberschuss bekanntgeben, die Uhrzeit ist noch nicht bekannt.
Von dem Primärüberschuss hängt ab, ob die Euro-Finanzminister Athen finanzielle Erleichterungen bei den Hilfskrediten gewähren wie etwa niedrigere Zinsen oder längere Zahlungsfristen. Die Eurogruppe hatte dies den Griechen im November 2012 in Aussicht gestellt. Das Finanzministerium in Athen geht davon aus, dass erste Gespräche darüber beim nächsten Treffen der Eurogruppe am 5. Mai stattfinden könnten. Mit einer Entscheidung wird jedoch erst im Herbst gerechnet.

Mögliche Auswirkungen auf die Börsen

Die Angaben zu den Defiziten werden Auswirkungen auf die Börsen haben. Der Dax liegt am Mittwochmorgen vorbörslich leicht im Plus. Nach den starken Gewinnen vom Vortag könnte es heute eine leichte Gegenreaktion geben, wenn nicht andere Faktoren in den Vordergrund rücken.

Umfrage: Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise

Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung (Mittwoch). Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen.
„Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung.

Wie ist die Lage der Euro-Krisenländer?

Griechenland und Portugal stehen bei Anlegern wieder hoch im Kurs. Die Euro-Krisenländer hoffen auf einen Befreiungsschlag. Doch die Staatsschulden bleiben hoch und ihr Abbau wird durch Deflation erschwert.
Investoren reißen sich um die lange verschmähten Staatsanleihen der Länder. An diesem Mittwoch will Portugal erstmals seit dem Hilferuf vor drei Jahren wieder langfristig Geld bei Anlegern einsammeln. Vor knapp zwei Wochen hatte Griechenland bereits ein Kapitalmarkt-Comeback geliefert. Auch die angeschlagenen Euro-Schwergewichte Spanien und Italien erhalten derzeit so günstig frisches Geld wie seit Jahren nicht mehr.

Warum setzen Anleger wieder auf die Krisenländer?

„Sie leihen das Geld nur, weil die Europäische Zentralbank im Hintergrund bereit steht“, sagt Ex-Deutsche-Bank-Chefökonom Thomas Mayer im „Focus-Online“-Interview. Den Investoren sei nur wichtig, ob die Anleihe bedient und zurückgezahlt werde. Viele Anleger gehen davon aus, dass die Europartner, allen voran Deutschland, letztlich für die Papiere der Krisenländer bürgen. Die EZB hatte im Sommer 2012 angekündigt, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern aufzukaufen. Seitdem investieren internationale Anleger wieder verstärkt. Staatstitel aus Griechenland oder Portugal werfen in Zeiten niedriger Zinsen attraktive Renditen ab.

Was hat sich wirtschaftlich verbessert?

Die Lage ist trotz einiger Fortschritte weiter schwierig. Zwar scheint das Allerschlimmste überwunden, Portugal und Spanien sind nach jahrelanger wirtschaftlicher Dauer-Misere zumindest wieder auf Wachstumskurs. Auch für Griechenland sagen Ökonomen ein Ende der Rezession voraus. Andere Zahlen zeigen aber, wie deprimierend die Situation noch immer ist: In Griechenland und Spanien ist mehr als jeder Vierte arbeitslos, besonders betroffen sind Jugendliche.

Haben die Krisenländer ihre Haushalte wieder im Griff?

Trotz aller Einschnitte sind die Staatsschulden in den letzten Jahren weiter gestiegen. In Griechenland und Portugal liegen sie gemessen an der Wirtschaftsleistung deutlich über der kritischen Marke von 100 Prozent. „Die bestehenden Schulden abzubauen - das bleibt ein großes Problem“, sagte Christian Kremer vom Handelshaus X-Trade Brokers der dpa. „Investoren sehen jedoch keinen dringenden Handlungsbedarf, denn man weiß - die EU steht dahinter.“ Immerhin gibt es Hoffnungsschimmer: So hat Athen 2013 nach eigenen Berechnungen das erste Haushaltsplus seit mehr als einem Jahrzehnt erzielt. Die erdrückende Zinslast bleibt beim sogenannten Primärüberschuss aber unberücksichtigt, so dass die Aussagekraft begrenzt ist.

„The Economist“ warnt bereits vor übertriebener Euphorie am Markt für Euro-Staatsanleihen. Kritiker sagen, nicht die gestiegene Kreditwürdigkeit, sondern das billige Geld der EZB und die Aussicht auf weitere geldpolitische Stützung hätten die Renditen vieler Länder auf Rekordtiefstände gedrückt. In Griechenland, Portugal und Spanien herrscht außerdem Deflation.
Dadurch werfen die Staatspapiere für Investoren dort höhere Erträge ab. Während die mickrigen Zinsen in Deutschland von der Inflation nahezu komplett aufgefressen werden, sorgt der Preisverfall in den Krisenländern für den umgekehrten Effekt. Durch die negative Teuerungsrate übersteigt die tatsächliche Rendite den Nominalzins.

China: Aufschwung der Industrie leicht gebremst

Chinas schwächelnde Industrie hat nach einem Reuters-Bericht ihren Abschwung im April in leicht gebremsten Tempo fortgesetzt. Der vorläufige Einkaufsmanagerindex für die Branche stieg im April zwar auf 48,3 Punkte von 48,0 Zählern im März, wie das Forschungsinstitut Markit und die Großbank HSBC am Mittwoch mitteilten. Er blieb aber den vierten Monat in Folge unter der Wachstumsmarke von 50 Punkten und signalisiert damit weiterhin schrumpfende Geschäfte. Dies dürfte Sorgen vor einer Konjunkturabkühlung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt schüren, die auf das schwächste Wachstum seit fast einem Vierteljahrhundert zusteuert.
Zwar verlangsamte sich der Abschwung bei den Auftragseingängen und der Produktion etwas. Der Teilindex für die Exportaufträge fiel nach einem Zwischenhoch im vorigen Monat aber wieder unter die Wachstumsmarke. Das deutet daraufhin, dass die chinesische Firmen auch von der Weltwirtschaft kaum Rückenwind erhalten. Die Binnennachfrage habe sich leicht verbessert, erklärte der HSBC-Chefvolkswirt für China, Qu Hongbin. Die Gefahr einer weiteren Konjunkturabkühlung bleibe aber offensichtlich, da die Aufträge aus dem Ausland und die Beschäftigung gesunken seien. Er rechne nun mit weiteren Konjunkturhilfen der Regierung in den nächsten Monaten. Diese hatte zuletzt bereits kleinere Maßnahmen eingeleitet, um die Wirtschaft anzukurbeln, größere Hilfspakete aber ausgeschlossen.
Nach Jahren des Booms will die kommunistische Führung die Wirtschaft modernisieren, die Abhängigkeit von Exporten senken und den Binnenkonsum stärken. Dafür nimmt sie ein schwächeres Wachstum in Kauf, solange genügend Jobs entstehen und soziale Unruhen vermieden werden können. Im ersten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt mit 7,4 Prozent so langsam wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Geht es in diesem Tempo weiter, droht China das schlechteste Jahr seit 1990. 2013 kühlte sich die Konjunktur bereits auf ein Plus von 7,7 ab. Schwächer war die Wirtschaft im Reich der Mitte seit 1999 nicht mehr gewachsen. (mit dpa und Reuters)

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