Vor der Entscheidung der EZB : Ex-Bundesbankchef Axel Weber warnt vor Rückschlägen an den Börsen

Ex-Bundesbankchef Axel Weber hat vor der EZB-Entscheidung auf die widerstrebende Geldpolitik von EZB und Fed hingewiesen und vor Rückschlägen an den Börsen gewarnt. Es gibt weitere Anomalien, die den Aktien-Aufwärtstrend langfristig bedrohen.

Andreas Oswald
Börse in Frankfurt.
Börse in Frankfurt.Foto: dpa

Der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank und heutige UBS-Chef Axel Weber hat vor der heutigen Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) vor den Folgen gewarnt, die eine entgegengesetzte Geldpolitik von EZB und der US-Notenbank Fed mit sich bringt. In einem Aufsatz für die "Financial Times" schildert Axel Weber die verschiedenen Strategien von EZB und Fed und ihre Folgen. Anlässlich der im Gegensatz zu Europa zu erwartenden Straffung der Geldpolitik in den USA schreibt Axel Weber: "Ich sehe ein signifikantes Potential für Volatilität und Rückschläge an den Finanzmärkten in den nächsten Quartalen."

Fed zieht die Zügel an, während die EZB die Geldpolitik lockert

Hintergrund der Ausführungen von Axel Weber ist die Tatsache, das die EZB ihren Geldkurs weiter lockern wird, während die Fed längst damit begonnen hat, aus ihrer lockeren Geldpolitik auszusteigen. So wird die Fed in der Tat ihre Anleihekäufe bis Ende des Jahres einstellen und im kommenden Jahr voraussichtlich die Leitzinsen erhöhen. Sie kann das tun, weil sich die Banken und die Wirtschaft in den USA viel früher erholt haben. Grund ist, dass die Banken in den USA in der Finanzkrise ohne Rücksicht auf politische Bedenken pragmatisch abgewickelt oder verstaatlicht, restrukturiert, refinanziert und vollständig saniert wurden, weshalb sie reichlich Kredite an die Wirtschaft vergeben können. In der Euro-Zone ist das nicht ausreichend geschehen, weshalb die EZB jetzt nachlegt. Die Frage ist, ob das ausreicht. Die Gefahr besteht darin, dass die Fed mit ihrer künftig restriktiveren Geldpolitik Kredite verteuert und damit die Weltkonjunktur abkühlt, auch und vor allem in den Schwellenländern. Weil dann die Nachfrage aus dem Ausland sinkt, läuft das dem zuwider, was die Euro-Zone, vor allem die Peripherie, dringend braucht.

Weitere Anomalien bedrohen den Aufwärtstrend bei Aktien

Axel Weber hat auf eine bedeutende Anomalie hingewiesen. Außer der von ihm angeführten widerstrebenden Geldpolitik von EZB und Fed gibt es aber noch drei weitere Anomalien aus anderer Sicht, die ebenfalls den langfristigen Aktien-Aufwärtstrend, der seit 2009 anhält, in den nächsten zwölf Monaten bedrohen. Hier alle vier Anomalien im Überblick:

Anomalie I: Volatilitätsindex Vix im Tief

Der Volatilitätsindex Vix wird auch "Angstbarometer" genannt. Ein niedriger Wert, also eine niedrige Schwankungsintensität im breitgestreuten US-Aktienindex S&P 500, bedeutet, dass die Anleger unbekümmert und sorglos sind. Ein hoher Wert bedeutet, dass sie in Panik verfallen. In der Regel verhalten sich Vix und S&P 500 gegenläufig. Sinkt der Vix, steigen die Aktien, steigt der Vix und damit die Volatilität, dann sinken die Aktien. In der Vergangenheit war es meistens so, dass besonders tiefe Werte im Vix von deutlich höheren abgelöst wurden. Das heißt: Besonders tiefe Werte hielten nie lange an. Irgendwann war diese Phase zu Ende und der Vix stieg sprunghaft, während die Aktien fielen. Am vergangenen Montag erreichte der Vix ein neues seltenes Tief. Das letzte Mal stand er 2013 so tief, damals gab es Wochen später eine scharfe Abwärtskorrektur in den Aktienmärkten, die im Dax zu einem Verlust von über 13 Prozent führte. Das vorletzte Mal, als der Vix so tief lag, das war im Januar 2007, da leitete er gewissermaßen das beginnende Jahr der Finanzkrise ein, genau ein Jahr später begannen die Kurse regelrecht abzustürzen, nachdem es vorher schon ein heftiges Auf und Ab gegeben hatte. Jedes Mal nach einem Tiefpunkt im Vix waren die Aktien aber erst einmal noch ein paar Wochen gestiegen, bevor es abwärts ging. Das jetzige Vix-Tief könnte demnach ebenfalls bedeuten, dass es mit den Aktien erst einmal weiter aufwärts geht.

Anomalie II: Gleichzeitiger Anstieg von Aktien- und Anleihekursen

Seit fünf Monaten verhalten sich die Kurse von Aktien einerseits und erstklassigen Staatsanleihen in den USA, England und in Deutschland andererseits gleich. Das ist eine historisch selten dagewesene Anomalie. Normalerweise steigen entweder die Kurse der Aktien oder die der Anleihen. Nur in seltenen Fällen, zum Beispiel während einer Finanzkrise, kommt es zu einer direkten Korrelation, wenn nach einiger Verzögerung alle Anlageklassen abstürzen. Seit fünf Monaten bewegen sich Aktien und Anleihen gleichermaßen seitwärts und zuletzt aufwärts. Da die US-Notenbank Fed seit Monaten ihre Anleihekäufe zurückfährt, war eigentlich ein Sinken der Anleihekurse erwartet worden. Es ist ein völliges Rätsel. Was könnten die Gründe sein?

Es gibt Berichte, nach denen China US-Staatsanleihen kauft um den Wert der eigenen Währung zu drücken, aber das ist Spekulation. Keine Spekulation sind Berichte, nach denen Hedgefonds massenhaft sogenannte Carry-Trades durchführen, bei denen sie über die Notenbanken an billiges Geld kommen und dann mit Riesensummen in US-Staatsanleihen einsteigen, die zwar niedrige Zinsen bringen, die aber höher sind als der Zinssatz, zu dem die Hedgefonds ihr Geld leihen. Selbst wenn die Zinsdifferenz niedrig ist, können sie durch schiere Menge einen riesigen Hebeleffekt herstellen, der ihnen große Gewinne beschert. Dieser Mechanismus bedeutet, dass die niedrigen Zinsen dazu führen, dass riesige Geldmengen nicht in die Wirtschaft, sondern in die Anleihemärkte gepumpt werden. Und in die Aktien, die ebenfalls weiter steigen. Solange alle das Gleiche machen wie derzeit, alle die Füße stillhalten und alles ruhig bleibt wie derzeit, geht das eine Weile gut. Die Frage ist, wie lange noch alle die Füße stillhalten und nicht die ersten anfangen, in die andere Richtung zu laufen.

Anomalie III: Nur eine Minderheit der Aktien trägt die neuen Höchststände

Kaum ein Tag verging in den letzten Wochen, an denen nicht irgendein neuer historischer Höchststand in einem Aktienindex gemeldet wurde. Auch der Dax hangelt sich von einem Hoch zum nächsten. Interessanterweise sind es immer kleinere Schritte gewesen, mit denen er sich nur zögerlich der Marke von 10.000 genähert hat. Zwar ist es sehr wahrscheinlich dass er diesen Wert übertreffen wird, aber die Dynamik ist sehr viel niedriger als normalerweise in Aufwärtsphasen. Das hat einen Hintergrund, der unterschwellig wirksam wird: Es ist nur eine Minderheit von Aktien im Dax, die neue Höchststände erreicht. Die schaffen es gerade, den ganzen Index weiter hochzuziehen. Das gleiche Phänomen ist auch im S&P 500 und im Dow Jones zu beobachten. Dieses Phänomen gibt es oft, wenn ein langjähriger Aufwärtstrend langsam zu Ende geht. Zwar steigt der Index immer weiter, aber unterschwellig wird schon Schwäche sichtbar. Der derzeitige langfristige Aufwärtstrend bei Aktien begann im Frühjahr 2009 und dauert nun schon seit fünf Jahren an. Es passiert selten, dass ein Aufwärtstrend sehr viel länger als fünf Jahre anhält, ohne dass es zu einem anschließenden vorübergehenden Abwärtstrend mit Verlusten von 30 Prozent oder deutlich mehr kommt.

Anomalie IV: Widerstrebende Maßnahmen von Fed und EZB

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), wird am heutigen Donnerstag voraussichtlich eine weitere Leitzinssenkung sowie Strafzinsen für Bankeinlagen ankündigen. Damit sollen die Geldmenge weiter ausgeweitet und die Finanzinstitute zur stärkeren Kreditvergabe animiert werden. Hintergrund ist die anhaltende Schwäche der Banken und der Wirtschaft in der Eurozone. Während die Banken in den USA in der Finanzkrise ohne Rücksicht auf Gesichtsverlust, ethischer oder ideologischer Bedenken pragmatisch abgewickelt oder verstaatlicht, restrukturiert, refinanziert und vollständig saniert wurden, ist das in der Eurozone nur zögerlich geschehen. Deshalb stehen die Banken in den USA gut da und die Banken in der Eurozone schlecht. Noch immer geben letztere der Wirtschaft vor allem in der Peripherie nur zögerlich Kredite. Hinzu kommt, dass die USA früh und viel konsequenter auf eine lockere Geldpolitik gesetzt haben und die Fed in großem Maße Staatsanleihen und faule Kredite gekauft hat. Die Folge ist, dass die USA - und Großbritannien - wirtschaftlich sehr viel weiter erholt sind als die Eurozone und deshalb angefangen haben, aus den Anleihekäufen auszusteigen. Außerdem wird erwartet, dass die US-Notenbank Fed im kommenden Jahr die Leitzinsen erhöht. Das Vorgehen der Fed und der EZB ist also widerstrebend. Es könnte sein, dass die USA ausgerechnet am Ende des Konjunkturzyklus die Zügel anziehen, während Europa so spät die Geldpolitik lockert, dass es wiederum eher früh ist, um den nächsten Konjunkturabschwung abzufedern. Es ist eine gegenläufige Entwicklung, deren Ausgang niemand kennt. Die Frage für die Aktienmärkte ist, ob die Maßnahmen, die EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag verkünden wird, ausreichend sein werden, um das Ruder in der Eurozone herumzureißen und Wirtschaft und Märkte tatsächlich zu beeinflussen. Entscheidend ist dabei weniger die erste kurzfristige Reaktion der Märkte, sondern ihr Verhalten in den kommenden Monaten.

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