Wall Street : Goldene Fallschirme

Rette sich, wer kann: Beim hektischen Fallschirmspringen an der Wall Street gibt es harte Landungen und weiche. Gescheiterte Chefs bekommen trotzdem viel Geld.

New York Die harten Landungen sehen in der Kurzbeschreibung so aus: Arbeitsplatz weg, Ersparnisse ausgelöscht, berufliche Zukunft unsicher. Tausende von Wall-Street-Mitarbeitern haben schier über Nacht fast alles verloren. Zurück bleibt nur Frust über diejenigen, die weicher landen: „Ich hoffe, seine Villa ist sicher“, steht auf einem Plakat zu lesen, das der New Yorker Künstler Geoffrey Raymond vor der Pleite-Bank Lehman Brothers aufgestellt hat. Es zeigt den Kopf von Vorstandschef Richard Fuld, als mannshohe Karikatur.

Merrill-Lynch-Chef John Thain ist bei der Kritik weitgehend außen vor: Sein Deal, das Traditionshaus für 29 Dollar pro Aktie an die Bank of America zu verscherbeln, wird in diesen traurigen Tagen schon als Erfolg gewertet. Dabei hat die Aktie seit Thains Amtsbeginn etwa 70 Prozent an Wert verloren, und der Manager selbst räumt ein: „Das ist nicht unbedingt das Ergebnis, das ich angestrebt habe, als ich diese Aufgabe übernahm.“ Die Vergütungsexperten James F. Reda & Associates haben errechnet, dass Thain für den Fall eines wahrscheinlichen Ausstiegs unter dem neuen Eigentümer der Bank of America aus seiner nur zehnmonatigen Amtszeit bei Merrill Lynch etwa 50 Millionen Dollar (rund 35 Millionen Euro) zustehen. Addiert man die Antrittsprämien, mit denen Thain zwei Managerkollegen von Goldman Sachs loseiste, summiert sich das Vergütungspaket der Merrill-Lynch-Führung laut Nachrichtenagentur Bloomberg auf knapp 200 Millionen Dollar.

Mit einer Abfindung von 210 Millionen Dollar hält Robert Nardelli, früher Chef der weltgrößten Baumarktkette Home Depot und heute erster Sanierer von Chrysler, noch immer die Rekordmarke in der Disziplin „Goldene Handschläge“. Thains Vorgänger bei Merrill Lynch, der gescheiterte Stratege Stanley O’Neill, wurde im Vorjahr mit 162 Millionen Dollar in den Ruhestand geschickt. Diese Form der Selbstbedienung mag an der Wall Street Tradition haben, aber – so viel scheint sicher – keine Zukunft. Die US-Regierung hat den geschassten Vorstandschefs der Hypothekenkonzerne Fannie Mae und Freddie Mac gerade Abfindungen über 24 Millionen Dollar verweigert. „Es wäre skrupellos, diese aufgeblasenen Zahlungen zu leisten“, sagte US-Senator Charles Schumer, nachdem Fannie und Freddie vom Staat aufgefangen werden mussten.

Auch die ersten US-Konzerne reagieren. Die Vorstände von Double Eagle Petroleum mussten kürzlich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass ihnen im Fall einer schlechten Performance keine Abfindung zusteht. „Ein goldener Fallschirm mit Loch“, kommentierte Boardmitglied Sigmund Baraban.ebe (HB)

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