Wegen Finanzkrise : EZB steuert auf Zinssenkung zu

Turbulenzen an den Märkten und Abkühlung der Konjunktur im Euro-Raum - es gibt vieles, was in Zeiten der Finanzkrise für eine Zinssenkung spricht. Trotzdem hat die Europäische Zentralbank am Donnerstag noch einmal von diesem Schritt abgesehen. Aber was nicht ist, könnte schon bald werden.

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Hat den Ruf nach Zinssenkungen gehört: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet -Foto: dpa

Frankfurt/Main "Wir haben heute über zwei Optionen diskutiert: Die Zinsen konstant zu halten oder die Zinsen zu senken", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach der Ratssitzung in Frankfurt. Schließlich habe man aber einstimmig entschieden, den Leitzins zunächst unverändert bei 4,25 Prozent zu lassen. Die amerikanische Notenbank hatte den Zins seit Sommer 2007 bereits massiv von 5,25 auf 2,0 Prozent gesenkt. Volkswirte erwarten noch in diesem Jahr einen Zinsschritt der EZB nach unten - es wäre die erste Zinssenkung seit fünf Jahren. Politiker und Gewerkschaften hatten bereits für Donnerstag eine Notzinssenkung verlangt.

Trichet lieferte mehrere Argumente, die für eine Zinssenkung sprechen. "Wir sehen eine Verlangsamung des europäischen Wirtschaftswachstums", sagte der EZB-Präsident. Der private Verbrauch gehe zurück und die Kreditkonditionen hätten sich verschlechtert. Auch werde die Inflation wahrscheinlich weiter sinken: "Die Risiken für die Preisstabilität sind weniger geworden, aber sie sind nicht verschwunden." Der oberste Währungshüter Europas sprach zudem von einem "ungewöhnlich hohen Grad an Unsicherheiten" an den Finanzmärkten. Bislang hatten die Währungshüter mit dem Hinweis auf die hohe Inflation Forderungen nach einer Senkung der Zinsen abgelehnt. Bei niedrigeren Zinsen können Banken sich billiger Geld bei der Notenbank besorgen. Damit kommen Unternehmen und Verbraucher günstiger an Geld, was die Investitionen und den Konsum ankurbeln kann.

Zinsenkung im November erwartet

Die Aussagen weisen nach Ansicht von Volkswirten deutlich auf eine Zinssenkung hin. "Wir erwarten nun eine Zinssenkung im November und schließen auch nicht aus, dass die EZB schon vorher an einer koordinierten Zinssenkung mit anderen Zentralbanken teilnimmt", schrieb der Deutschland-Chefvolkswirt der Citigroup, Jürgen Michels. "Auf der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung hat Präsident Trichet einen großen Schritt in Richtung Zinssenkung gemacht", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Vor der Sitzung hatten unter anderem die Gewerkschaft Verdi und die französische Regierung eine deutliche Senkung des Leitzinses im Raum der 15 Euro-Staaten gefordert, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Zinssenkung wäre eine Kehrtwende: Seit Ausbruch der Finanzkrise hatte die EZB den Zins unverändert bei 4,0 Prozent gelassen und im Juli im Kampf gegen die Inflation auf 4,25 Prozent erhöht. Die Notenbank sorgt sich weiter um die Inflation und hatte deswegen im Juli den Leitzins sogar noch angehoben. Der Teuerungsdruck lässt nun aber nach: Die Inflation in der Eurozone sank im September um 0,2 Punkte auf 3,6 Prozent, blieb aber deutlich über der Zielmarke der EZB von unter, aber nahe zwei Prozent.

Trichet rief angesichts der beginnenden Tarifverhandlungen in Deutschland die Gewerkschaften zur Mäßigung bei ihren Lohnforderungen auf. Der Notenbank-Präsident warnte vor einer Spirale aus steigenden Löhnen und steigenden Preisen. Bislang hat die EZB die Finanzkrise mit der großzügigen Bereitstellung von frischem Geld für die Banken bekämpft. Auch am Donnerstag stellte die Notenbank den Banken erneut 50 Milliarden Dollar zu einem Zinssatz von 2,75 Prozent für einen Tag bereit. (mfa/dpa)

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