Zertifikate : Es wird wieder gezockt

Der Lehman-Schock scheint überwunden. Ein Jahr nach der spektakulären Pleite der US-Bank läuft das Geschäft mit Zertifikaten wieder flott. Dennoch: das Anlageverhalten hat sich verändert.

Veronika Csizi

Der Lehman-Schock scheint überwunden. Ein Jahr nach der spektakulären Pleite der US-Bank läuft das Geschäft mit Zertifikaten wieder flott. Noch vor Jahresfrist hatten etwa 50 000 Besitzer von Zertifikaten der bankrotten US-Bank einen Totalverlust ihrer angelegten Gelder zu beklagen. Bis Februar dieses Jahres war daraufhin der Zertifkatemarkt in Deutschland – parallel zum weltweiten Börsencrash – um nahezu die Hälfte eingebrochen. Vor allem das Neugeschäft mit Zertifikaten lag komplett brach.

Das ist Vergangenheit. Mittlerweile greifen die deutschen Anleger wieder munter zu. Dass Zertifikate sogenannte Inhaber-Schuldverschreibungen sind und dass deswegen, anders als bei Fonds, im Fall einer Pleite der ausgebenden Bank wenig Hoffnung besteht, das angelegte Geld zu retten, macht den Anlegern offenbar immer weniger Sorgen. Vor der Lehman-Pleite steckten fast 140 Milliarden Euro in Zertifikaten, im Frühjahr waren es nur noch gut 70 Milliarden. Bis Ende Juni erholte sich der Markt wieder auf rund 90 Milliarden Euro.

Gleichzeitig sind die Banken eifrig dabei, den verursachten Imageschaden durch neue Produkte zu beheben: Etwa 500 000 neue Zertifikate und Hebelprodukte sind seit dem Fall von Lehman auf den Markt gekommen. „Die Vertriebsmaschinerien der Banken funktionieren perfekt“, sagt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Eine Umfrage des Magazins „Der Zertifkateberater“ bestätigt diese Einschätzung: 80 Prozent der ausgebenden Banken bezeichnen die Vertriebssituation derzeit wieder als „zumindest zufriedenstellend“.

Doch das Anlageverhalten hat sich verändert: Wie wichtig das Thema Sicherheit geworden ist, lässt sich an der Wahl der Zertifikate ablesen. Hatten die Anleger im Juni 2008 noch gerne zu Discount- und Bonus-Zertifikaten gegriffen, liegen aktuell fast zwei Drittel der Gelder in „Kapitalschutz-Zertifikaten“ und damit in deutlich defensiveren Papieren. Im Vorjahr galt das nur für ein Drittel der Zertifikate. Umgekehrt liegt heute nur noch ein knappes Viertel des angelegten Geldes in Bonus-, Discount- und Express-Zertifikaten.

Gleichzeitig geben in Umfragen des Deutschen Derivate-Verbandes (DDV), der Branchenvertretung der Zertifikate-Industrie, drei Viertel aller Befragten an, sie achteten mittlerweile beim Kauf eines Zertifikats auf die Bonität der ausgebenden Bank. Der Verband hat deswegen auch eine „Transparenz-Offensive“ gestartet. Damit sich Anleger ein Bild von der wirtschaftlichen Situation der ausgebenden Bank machen können, veröffentlicht der DDV auf seiner Homepage die von den drei Ratingagenturen S & P, Moody’s und Fitch vergebenen Bonitäts-Noten und tagesaktuell auch die Höhe der Versicherungsprämien, die ein Schuldner zahlen muss, um sich gegen den Ausfall seines Kredits bei einer bestimmten Bank abzusichern. Je niedriger die Kosten für diese „Credit default Swaps“, desto höher schätzt der Markt die Bonität einer Bank ein. Aktuell haben hier BNP Paribas, HSBC Trinkaus, Rabobank, JP Morgan Chase und ING die besten Werte.

Anlegerschützer Cabras sieht die neue Vorliebe der Anleger für Kapitalschutzprodukte dennoch kritisch: Viele Anleger glaubten, ist sich der DSW-Experte sicher, dass der Kapitalschutz auch für den Fall einer Insolvenz der Bank gelte. Dies stimme jedoch nicht, denn das angelegte Kapital sei nur gegen Kursverluste zum Laufzeitende des Papieres geschützt, nicht jedoch gegen eine Pleite der Bank wie bei Lehman.

Auch die Verbraucherzentralen halten insgesamt wenig von der Rückkehr der Zertifikate an die Bankschalter. Zertifikate seien grundsätzlich ungeeignet für unerfahrene Anleger, würden aber weiter an sie verkauft, kritisiert Niels Nauhauser, Bankexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nach der Lehman-Pleite war bekannt geworden, dass vor allem Citibank, Dresdner Bank, Frankfurter und Hamburger Sparkasse die häufig sehr komplizierten Produkte gerne und teilweise ohne ausreichende Beratung an unerfahrene Kunden verkauft haben. Seither laufen zahlreiche Gerichtsverfahren, in denen vielfach bereits anlegerfreundliche, jedoch noch nicht rechtskräftige Urteile gesprochen wurden.

Verbraucherschützer Nauhauser rät daher: Ein Zertifikat solle sich künftig nur kaufen, wer auch gerne ins Spielcasino gehe und Verluste verkraften könne. Auch die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gibt sich skeptisch. Zertifikate, die jenseits der deutschen Grenzen kaum gekauft würden oder sogar verboten seien, „würde niemand vermissen, wenn es sie nicht gäbe“, sagte Cabras. Allerdings dürfe man sie auch „nicht grundsätzlich verteufeln“. Wenn ein gut informierter Anleger ein spezielles Anlagethema seinem Depot beimischen wolle, dann böten Zertifikate dazu gute Gelegenheiten. Gerade Nischen seien die Stärke der Zertifikatewelt.

In der Tat: Es gibt kaum ein Thema, für das sich die Branche nicht ein passendes Investmentvehikel ausgedacht hätte. Der Anleger kann nicht nur in sämtliche Indizes, Märkte und Börsen weltweit investieren und dabei auf steigende, seitwärts laufende oder auch fallende Märkte setzen, sondern auch bestimmte Branchen, Rohstoffe, Aktienkörbe, Trendszenarien oder Währungen abbilden. Dabei ist der Fantasie kaum eine Grenze gesetzt. Ob der Anleger an die lukrative Zukunft von Bio-Ethanol, peruanischen Aktien oder mageren Schweinen glaubt, ob er sich Chancen für den Hafer, den globalen Generika-Markt, den Handel mit CO2-Emissionsrechten oder die Verarbeitung von Silizium ausrechnet, ob er beim Yen-Dollar-Verhältnis eher auf den Yen oder lieber auf den Dollar setzt – für alles gibt es ein passendes Zertifikat.

Der Zertifkateverband DDV hält die Kritik der Verbraucherschützer für völlig überzogen. „Nicht jedes Zertifikat ist prinzipiell böse“, sagt DDV-Geschäftsführer Lars Brandau. Natürlich bestehe ein Emittenten-Risiko. Aber wer seiner Bank vertraue, könne natürlich auch ihre Zertifikate kaufen. Auch dass Zertifikate teilweise komplexe Produkte seien, müsse einem Investor in jedem Fall klar sein. Brandau: „Der normale Privatanleger sollte wirklich nur Zertifikate kaufen, deren Funktionsweise er selbst versteht.“ Auch solle niemand sein ganzes Geld in eine einzige Anlageform stecken. Diese Regel müsse aber für alle Produkte gelten.

Brandau sieht hier ein grundsätzliches Problem. So hätten Millionen Anleger einen Bausparvertrag in der Schublade, ohne dessen Funktionsweise auch nur annähernd zu verstehen. Insgesamt sei die Bereitschaft, sich bei der Geldanlage vorab zu informieren, um mit dem Bankberater dann auf Augenhöhe sprechen zu können, gering ausgeprägt, bedauert Brandau: „Viele Menschen beschäftigen sich zwar drei Stunden mit ihrem iPod, aber nur zehn Minuten mit ihrer Geldanlage.“

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