Finanzgeschäfte : Aigner sagt Spekulanten den Kampf an

Agrarministerin will Finanzgeschäfte mit Lebensmitteln erschweren – aber wie?

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Mit den Spekulanten will Agrarministerin Ilse Aigner nicht so freundlich umgehen.
Mit den Spekulanten will Agrarministerin Ilse Aigner nicht so freundlich umgehen.Foto: dpa

Berlin - Mit Bauernregeln kennt sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) aus. Denn Bauern gibt es viele im oberbayerischen Feldkirchen, dem Geburtsort der Ministerin. Doch vor den Wetterkapriolen dieses Sommers kapitulieren auch die althergebrachten Wettervorhersagen. „Eigentlich hätte das Wetter seit Siebenschläfer Ende Juni gut sein müssen“, gibt Aigner zu bedenken. Doch statt Sonne gab es Dauerregen, der den Bauern die Ernte verhagelte.

43,8 Millionen Tonnen Getreide ernteten die deutschen Landwirte in diesem Jahr – zwölf Prozent weniger als im Vorjahr. Ernteausfälle gab es auch bei Erdbeeren, Spargel und Kirschen. Obst und Gemüse dürften daher teurer werden, prognostiziert Aigner. Dass die Verbraucher aber auch mehr Geld für Brot, Brötchen und andere Grundnahrungsmittel ausgeben sollen, kann die Ministerin nicht nachvollziehen. „Die Erzeugerpreise haben beim Brot gerade einmal einen Anteil von vier bis fünf Prozent“, kritisiert die CSU-Politikerin und geht vor allem mit dem Handel ins Gericht. Der solle die Verbraucher nicht mit „überzogenen Preisen“ verschrecken.

Nicht nur in Deutschland fällt die Getreideernte in diesem Jahr schlechter aus, auch andere Länder haben Probleme. Die Feuer in Russland haben große Flächen vernichtet, weltweit dürften die Erträge im Wirtschaftsjahr 2010/2011 um zwei Prozent hinter dem Vorjahr zurückbleiben. Versorgungsprobleme sieht Aigner aber nicht. „Die Lager sind voll“, sagt sie, „eine Versorgungskrise droht nicht.“

Dennoch ist die Lage an den Rohstoffmärkten angespannt. Der Preis für Weizen ist in den vergangenen zwei Monaten an den internationalen Börsen von 130 auf bis zu 230 Euro je Tonne gestiegen, auch Kakao und Kaffee haben enorme Preissprünge verzeichnet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Kapitalanleger und Fonds die Warenterminbörsen als Alternative zum Aktienmarkt entdeckt haben.

Die wachsenden Spekulationen mit Lebensmitteln rufen jetzt die Politik auf den Plan. Frankreich will seine anstehende Präsidentschaft im Club der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G 20) nutzen, um die Spekulation einzudämmen. Auch Aigner sucht nach einer Lösung auf internationaler Ebene. Im Januar will sie den in Berlin stattfindenden Agrarministerrat, an dem Minister aus aller Welt teilnehmen, dem Kampf gegen Rohstoffspekulation widmen.

Wie das gehen soll, ist noch unklar. Im Gespräch sind verschiedene Instrumente. Man könnte die Menge der Kontrakte begrenzen, die ein Marktteilnehmer eingehen darf, auch Haltefristen für Rohstoffengagements wären möglich, berichtet Aigner. Wichtig ist ihr, an den Warenterminbörsen Transparenz zu schaffen. „Derzeit sind die Aktienmärkte transparenter als die Rohstoffbörsen“, kritisiert die Ministerin. Hohe Lebensmittelpreise schaden nach Meinung Aigners vor allem den Armen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die sich teure Nahrungsmittel nicht leisten können. Starke Preissteigerungen bei Weizen, Fleisch und Reis hatten 2007 und 2008 zu Hungeraufständen in Westafrika, Haiti und Bangladesch geführt.

Auch die deutsche Ernährungsindustrie sorgt sich um die Armen – aber auch um sich selbst. Für die Ernährungsindustrie sei es ausgesprochen schwierig, mit den extremen Preissteigerungen umzugehen, sagte Jürgen Abraham, Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), am Freitag. Kostensteigerungen könnten aufgrund der Wettbewerbssituation „nur schwer weitergegeben werden“. Das würde sich „unmittelbar negativ auf die Ertragslage auswirken“, gab Abraham zu bedenken. Heike Jahberg

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