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Finanzinvestoren : Eine gute Heuschrecke

18.02.2012 17:26 Uhrvon
Zwei Geschäftsfelder hat Schleicher: Relais und Sicherheitstechnik sowie Steuerungen. Foto: Mike WolffBild vergrößern
Zwei Geschäftsfelder hat Schleicher: Relais und Sicherheitstechnik sowie Steuerungen. - Foto: Mike Wolff

Der Finanzinvestor Aurelius hat die 75 Jahre alte Spandauer Elektronikfirma Schleicher saniert.

Als Technikfreak ist Klaus Wowereit bislang selten in Erscheinung getreten. Vermutlich hat er auch noch nie vom MEZ54 Relais gehört. Doch zum Geburtstag dieses berühmten elektromagnetischen Schalters kommt der Regierende Bürgermeister nach Spandau. Und zwar am 27. April. Vor genau 50 Jahren hatte die Berliner Firma Schleicher das Relais auf der Hannover Messe vorgestellt. Das war eines der Produkte, mit denen das Unternehmen gut über die Jahrzehnte kam – bis die Mauer fiel und die Berlin-Förderung auslief. Eine Insolvenz wurde ebenso überstanden wie ein paar Eigentümerwechsel.

Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren hat die Firma 2011 mit ihren 120 Beschäftigten wieder Gewinn gemacht.

Also genau der richtige Zeitpunkt, um Schleicher wieder zu verkaufen, meint Christopher Nolde. Der 40-Jährige ist Geschäftsführer auf Zeit in Spandau. Denn Nolde arbeitet für Aurelius, einen Finanzinvestor aus München, der Firmen für kleines Geld kauft, saniert, vielleicht filetiert und dann mit Gewinn verkauft.

Bei Schleicher ist Aurelius 2007 eingestiegen, vermutlich für einen sechsstelligen Betrag. Jetzt wollen sie wieder raus – für einen siebenstelligen Betrag. „Das haben die sich verdient“, sagt Arno Hager über die Aurelius-Leute. Hager ist IG Metall-Chef von Berlin, und er hat Respekt vor der Arbeit der Finanzinvestoren, die bei Schleicher „viel besser“ gewesen sei als die Performance der vorherigen Eigentümer, eine Elektronikfirma aus Bamberg.

„Ein typisches Berliner Unternehmen: Vor zehn Jahren war die Wahrscheinlichkeit des Todes groß“, blickt Hager zurück. „Ohne Bruno Rocker würde es die wahnsinnig interessante Firma nicht geben.“ Rocker ist der Betriebsratsvorsitzende. Seit 1983 arbeitet er für die Firma, die direkt neben Ikea sitzt. Rocker hat eine Menge erlebt, weil es im Leben manchmal klischeehaft zugeht: Die erste Generation baut ein Unternehmen auf, die zweite passt auf und die dritte haut’s auf den Kopf. Der schillerndste Schleicher war der zweite, Helmut Otto, der auch als Honorarkonsul von Jordanien agierte. Das war die Blütezeit der Firma bis in die 80er hinein. Ein paar hundert Leute arbeiteten damals bei Schleicher.

Fotos: Mike WolffBild vergrößern
Fotos: Mike Wolff

In den 90er Jahren, als die West-Berliner Industrie nach der Kürzung der Berlin-Förderung zusammenbrach, lebte das Unternehmen von der Substanz. Der dritte Schleicher taugte wenig als Unternehmer, trank zu viel, agierte aber immerhin erfolgreich an der Börse. Die Spekulationsgewinne steckte er in die Firma; auf Dauer aber reichte das nicht. Im Jahr 2000 war das Eigenkapital weg, zwei Jahre später kam die Insolvenz. Rocker versuchte zu retten, was zu retten war, unter anderem mit einer Übernahme durch das Management. Doch dann kaufte die Bamberger Firma Wieland das Berliner Unternehmen, zog Patente raus und gebärdete sich überhaupt so, „wie man das eigentlich einem Finanzinvestor zutrauen würde“, sagt Rocker. Der kam dann nach Wieland und verhielt sich wie ein strategischer Investor, indem er Geld in die Hand nahm. „Die haben hier Potenzial gesehen“, sagt Rocker.

Betriebsrat, IG Metall und Nolde handelten einen Standortsicherungsvertrag bis 2015 aus: Die Belegschaft arbeitet danach 38 statt der tariflichen 35 Wochenstunden und verzichtet auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Firma spart 600.000 Euro im Jahr. Mit dieser Vereinbarung ging Nolde zu Aurelius und zu den Banken und bekam die erforderlichen Investitionsmittel. Es ging aufwärts – bis zur Krise 2009, als der Umsatz abstürzte und Verkaufspläne von Aurelius obsolet wurden. Bis heute. „Der Laden hat Substanz“, sagt Gewerkschafter Hager. Aber ein Investor werde weiter Geld hineinstecken müssen. Das sieht Rocker auch so, die Firma sei, auch wegen des Schuldenstands von rund vier Millionen Euro, „noch nicht nachhaltig gesichert“.

Der Betriebsrat bescheinigt Geschäftsführer Nolde, einen „ordentlichen Job“ gemacht zu haben. „Er hat zukunftsgerichtete Investitionen durchgesetzt und das Personal in der Entwicklungsabteilung aufgebaut, das ist heute ein Asset“, sagt der Betriebsrat – in der Sprache der Investoren. Und Nolde? Der glaubt „an die gute Marke seit 75 Jahren“. Und wird wohl bald wieder nach München ziehen.

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