Wirtschaft : Finanzinvestoren nehmen Versicherer ins Visier

Gerling-Konzern steht kurz vor Verkauf an US-Gesellschaft Cerberus / Experten rechnen mit weiteren Übernahmen in der Branche

Stefan Kaiser

Düsseldorf - Der Kölner Versicherungskonzern Gerling wird vermutlich an den amerikanischen Finanzinvestor Cerberus verkauft. Bereits in den kommenden Wochen sei mit einer Entscheidung zu rechnen, hieß es am Freitag aus Verhandlungskreisen. Die Verhandlungen seien exklusiv, Cerberus habe also das erste Zuschlagsrecht. Offiziell wollte man weder bei Gerling noch bei Cerberus die Informationen kommentieren.

Gerling wäre die erste große deutsche Versicherung, die von einem ausländischen Finanzinvestor, einer so genannten Private-Equity- Gesellschaft, übernommen würde. Bereits im Januar hatte der Versicherungskonzern Wüstenrot seine wesentlich kleinere Tochterfirma Württembergische und Badische Versicherungs-AG (WÜBA) an den US-Investor J.C. Flowers und eine deutsche Beratungsgesellschaft verkauft.

Experten rechnen mit weiteren Übernahmen in der Versicherungsbranche. „Es ist gut denkbar, dass sich Beteiligungen bei Unternehmen ergeben, bei denen man sich das bislang nicht vorstellen konnte“, sagt Holger Frommann vom Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Nikolaus von Jacobs, Private-Equity-Experte bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Ashurst in Frankfurt am Main, geht noch weiter: „Man müsste sich nicht wundern, wenn da auch mal Banken in den Fokus geraten“, sagte er auf Anfrage. „Momentan sucht sehr viel Kapital nach Investitionsmöglichkeiten.“

Auch Peter Albrecht, Professor für Versicherungswirtschaft in Mannheim, erwartet in Einzelfällen weitere Beteiligungen durch Private-Equity-Firmen. Dies sei vor allem bei solchen Unternehmen eine „wesentliche Option“, die ihr Geschäft dringend restrukturieren müssen oder viel neues Kapital brauchen. Nach Angaben des BVK stockten die Private-Equity-Gesellschaften allein im vergangenen Jahr ihr verwaltetes Kapital in Deutschland von knapp 40 auf 45 Milliarden Euro auf.

Im Fall Gerling hatte das Unternehmen nach monatelangen Spekulationen erstmals Mitte Juni offiziell Verkaufsgespräche mit Investoren bestätigt, aber keine Einzelheiten genannt. Nun berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, dass nur noch einige Details offen seien. Cerberus wolle die Gerling-Holding inklusive Schulden und Pensionszusagen erwerben, der Preis solle mehr als eine Milliarde Euro betragen.

Noch gehört Gerling zu 94 Prozent Rolf Gerling, dem Enkel des Firmengründers, und zu sechs Prozent Joachim Theye, dem Aufsichtsratschef der Konzern-Holding. Der 101 Jahre alte Familienkonzern war vor vier Jahren in eine schwere Krise geraten, weil die Rückversicherungstochter in den USA hohe Verluste angehäuft hatte. Der Konzern braucht dringend Kapital für seine Industrieversicherungssparte.

Nach einer Übernahme durch einen Finanzinvestor würde der Renditedruck auf Gerling deutlich steigen, meint Versicherungsexperte Albrecht. Mit einer Zerschlagung oder einem Weiterverkauf des Konzerns durch den neuen Investor rechnen Experten aber nicht. „Die werden nichts anderes machen als jeder andere Versicherer auch, nur vielleicht besser“, sagt Wirtschaftsanwalt von Jacobs.

Auch für die Kunden des Versicherungskonzerns soll alles beim Alten bleiben. „Die Verträge werden nicht berührt“, versichert Michael Gaedicke vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Der Versicherer hat Leistungsversprechen abgegeben, und die hat er zu erfüllen.“

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