Finanzkrise : Da waren es nur noch zwei

Eine dramatische Nacht dezimiert die amerikanische Bankenszene. Finanzaktien brechen weltweit ein. Wer verliert, wer profitiert

Stefan Kaiser

Berlin - Die amerikanische Bankenkrise hat an den Weltbörsen teilweise dramatische Kursverluste ausgelöst. In Deutschland fiel der wichtigste Aktienindex Dax am Montag unter die Marke von 6000 Punkten – der niedrigste Stand seit Oktober 2006. Zum Börsenschluss notierte er noch 2,7 Prozent im Minus bei 6064 Punkten. Auch an der Wall Street in New York fielen die Kurse. Der Dow- Jones-Index büßte zum Handelsschluss um 4,42 Prozent auf 10 917 Punkte ein.

Grund für den Kurssturz war die dramatische Entwicklung im amerikanischen Bankensektor. Am frühen Montagmorgen hatte mit Lehman Brothers die viertgrößte Investmentbank des Landes Insolvenz angemeldet. Ein dreitägiger Krisengipfel zur Rettung der Bank war gescheitert, weil sich kein Käufer für Lehman fand. Auch die drittgrößte Investmentbank Merrill Lynch konnte sich nur knapp der Pleite entziehen. Sie wurde über Nacht in einem Notverkauf für 50 Milliarden Dollar (rund 35 Milliarden Euro) unter das Dach der Bank of America gebracht. Merrill Lynch gehört mit Abschreibungen von bisher rund 40 Milliarden Dollar zu den größten Verlierern der US-Hypothekenkrise.

Von den ehemals fünf traditionellen amerikanischen Investmentbanken sind nach gut einem Jahr Finanzkrise somit nur noch zwei übriggeblieben: Goldman Sachs und Morgan Stanley. Neben Lehman Brothers und Merrill Lynch hatte die Nummer fünf im Markt, Bear Stearns, schon im März aufgeben müssen und war vom Finanzkonzern JP Morgan für nur eine Milliarde Dollar übernommen worden.

An den Finanzmärkten reagierten Investoren und Händler teilweise schockiert. „Die Stimmung ist saumäßig“, sagte ein Aktienhändler in Frankfurt am Main. „Die Ereignisse zeigen, wie schlecht es um die Gesamtwirtschaft steht.“

Finanzwerte litten am meisten unter dem doppelten Bankenkollaps. Commerzbank-Aktien brachen zeitweise um 15 Prozent ein. Auch die Titel der Deutschen Bank verloren bis zu zehn Prozent.

In den USA tat sich derweil ein neuer Krisenherd auf. Die Aktie des weltgrößten Versicherers AIG verlor zeitweise mehr als 50 Prozent. Das Unternehmen brauche 40 Milliarden Dollar (knapp 30 Milliarden Euro) Nothilfe und habe bei der US-Notenbank einen Überbrückungskredit beantragt, meldeten US-Medien. Teile des Geschäfts sollten verkauften werden.

Um die Finanzmärkte zu beruhigen, stellte die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken am Montag rund 30 Milliarden Euro frisches Geld zur Verfügung. Auch die Institute selbst wollen mit Geld helfen. Ein globales Konsortium aus zehn Banken will in einem gemeinsamen Fonds 50 Milliarden Euro an Darlehen für angeschlagene Institute zur Verfügung stellen. Ziel sei es, eine weltweite Börsenpanik zu verhindern, hieß es. An dem Fonds ist auch die Deutsche Bank mit sieben Milliarden Euro beteiligt.

Experten fürchten, dass die seit einem Jahr andauernde Krise noch lange anhalten wird. Es sei „weltweit mit weiteren Belastungen aus der Finanzmarktkrise zu rechnen“, sagte der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater, dem Tagesspiegel. Er sieht auch Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft. „Gegenwärtig rechnen wir mit einer leichten Rezession für Euroland“, sagte er. „Eine Wirtschaftskrise wäre vermeidbar, wenn die Bereinigung an den Finanzmärkten in diesem oder im kommenden Jahr abgeschlossen werden kann.“

Durch die Krise in den USA könnten sich auch die Kreditbedingungen für deutsche Unternehmen verschärfen. Experten warnen jedoch vor Panik. „Im Markt herrscht zurzeit große Unsicherheit“, sagte Norbert Winkeljohann, Vorstandsmitglied und Mittelstandsexperte des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC), dem Tagesspiegel. „Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass die Vorgänge in den USA die Finanzierungssituation für deutsche Unternehmen noch massiv weiter verschärfen“, sagte er. Die deutschen Banken seien seit Beginn der Finanzkrise im vergangenen Jahr aber bereits kritischer bei der Kreditvergabe geworden.Mitarbeit: Rolf Obertreis

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