Finanzkrise : Das Jahr des Blutbads

Auch China treffen die Probleme in den USA nicht unmittelbar. Die Aktienkurse fallen dennoch, und Anleger verlieren viel Geld.

Benedikt Voigt

Peking - Nicht alle der 30 Kleinanleger im zweiten Stock des Changxin-Gebäudes an der Chaoyang-Straße in Peking blicken auf die Bildschirme mit den aktuellen Aktienkursen. Drei ältere Frauen sitzen auf mitgebrachten Hockern in der Mitte des Ganges – und spielen Karten. „Wir müssen die Kurse nicht verfolgen“, sagt eine von ihnen, „die sind nicht gut, Kartenspielen ist besser.“ Alle lachen, auch die Kleinanleger vor den Computern müssen grinsen. Am Ende des Korridors ist bereits eine zweite Runde zum Kartenspielen übergegangen.

Diese Kleinanleger haben zumindest eine Ablenkung gefunden vom Niedergang, den zurzeit auch die chinesischen Aktienmärkte erleben. „Das Jahr des Blutbads“ titelte die staatlich kontrollierte Zeitung „China Daily“ am Freitag über der Einjahreskurve des Shanghai Composite Index. Sie dokumentiert den dramatischen Absturz des wichtigsten chinesischen Aktienindex. Innerhalb eines Jahres ist der Shanghai Composite Index von seinem historischen Höchststand bei 6124 Punkten auf einen Tiefststand von 1802 Punkten am 18. September gerauscht. Am Freitag schloss er bei 1930 Zählern. Er hat damit in einem Jahr fast 70 Prozent verloren, dabei wurden Börsenwerte von 2,93 Billionen Dollar vernichtet. Verständlich, dass die Begeisterung für Aktien in der Bevölkerung nachgelassen hat. „Vor einem Jahr sind doppelt so viele Anleger hierher gekommen“, sagt ein Angestellter der Anlagefirma China Jianyin Investment Securities.

Zwar setzte der Abwärtstrend an Chinas Börsen schon vor einem Jahr ein, doch wirkt sich nun auch die Angst vor einer Rezession negativ aus. Zumal China über die Realwirtschaft die Auswirkungen der internationalen Bankenkrise spüren dürfte, von der selbst das Land nicht unmittelbar betroffen ist. Die chinesischen Banken sind staatlich kontrolliert – ein Modell, dem sich kurioserweise die amerikanischen und europäischen Banken durch die jüngsten Regierungsbeteiligungen angenähert haben. Doch in China werden auch die internationalen Finanzflüsse staatlich überwacht. Nur rund 3,7 Prozent ihres Gesamtvermögens haben chinesische Banken laut dem staatlichen Fernsehsender CCTV in ausländischen Werten angelegt, die nun von den aktuellen Turbulenzen betroffen sind.

Noch geht es China in der Krise verhältnismäßig gut. Das Reich der Mitte ist auf dem Weg, Deutschland den Titel als Exportweltmeister streitig zu machen, und verfügt über ausreichende Finanzmittel. Die Währungsreserven betragen 1,5 Billionen Dollar. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass China jetzt neben dem Nahen Osten die größten Finanzmittel besitzt“, sagt Ivo Naumann, Managing Director der Beratungsfirma Alix Partners. Der Chinaexperte erwartet nicht, dass die hiesigen Banken die Krise nutzen, um auf dem internationalen Finanzmarkt einzukaufen. „Sie werden vorsichtig sein, da einige in der Vergangenheit Lehrgeld bezahlen mussten“, sagt Naumann. Der chinesischen Politik stellt er ein gutes Zeugnis aus. „Sie verhält sich sehr gut, es gibt keine Vorwürfe oder sogar Drohungen in Richtung USA.“

Womöglich, weil sich noch gar nicht absehen lässt, wie stark sich die Krise in China auswirken wird. Es wird erwartet, dass die am Montag zu verkündende Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal erstmals seit fünf Jahren unter zehn Prozent fallen könnte. Im zweiten Quartal hat sie 10,1 Prozent betragen, was für chinesische Verhältnisse einen Rückgang bedeutet. 2007 hatte die Wirtschaft noch um 11,9 Prozent zugelegt. Seit Juli verzeichnen die Fabriken der wirtschaftlich starken Küstenregion einen Rückgang bei Außenhandelsvolumen, Umsatz und Gewinnwachstum. „Der Staatsrat ist besorgt über diesen Trend und wird demnächst eine Reihe von Maßnahmen bekannt geben“, verkündete Du Ying, Vizedirektor der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission Chinas. Experten erwarten steuerliche Erleichterungen in den kommenden Monaten.

Ob das die Aktien-Begeisterung der Kartenspielerinnen im Changxin-Gebäude schüren kann, ist fraglich. Sie müssten sich an dicke, altmodische Tastaturen setzen, wenn sie die Kurse verfolgen wollen. „Unsere Computer sind alt“, gibt der Angestellte von China Jianyin Investment Securities zu. „Wir werden neue kaufen, wenn es wieder besser geht.“ Benedikt Voigt

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