Finanzkrise : "Deutschland wird hart getroffen"

ING-Diba-Chef Ben Tellings über die Finanzkrise, das Geschäft mit Baufinanzierungen und den Kampf um die Privatkunden.

Tellings
An der Spitze der ING-Diba: Ben Tellings. -Foto: laif

Herr Tellings, spüren Sie die Auswirkungen der Finanzmarktkrise?

Wir sind von der US-Hypothekenkrise nicht betroffen, mit keinem einzigen Euro. Und wir verzeichnen auch keine Abflüsse. Die Anleger sind vielleicht etwas verunsichert und sparen wieder mehr – das ist sogar gut für uns. Aber natürlich wäre es mir lieber, es gäbe keine Krise.

Die ING-Diba setzt seit einiger Zeit stark auf Baufinanzierungen und hat erst vor wenigen Wochen Hypothekenkredite für mehr als vier Milliarden Euro aufgekauft. Sie scheinen großes Vertrauen in den Markt zu haben.

Wir haben in die Baufinanzierung großes Vertrauen, weil wir denken, dass wir da vernünftig mit umgehen. Wir geben Baufinanzierungen nur an Leute, die es bezahlen können. Und die vier Milliarden Euro sind ein Portfolio von Baufinanzierungen, die alle gut sind. Die Leute haben ihre Zinsen gezahlt. Das hat nichts mit Subprime zu tun, also mit Leuten, die normalerweise keinen Kredit bekommen dürften.

Momentan sind aber auch Kredite mit hoher Bonität nicht mehr zu verkaufen.

Das stimmt, aber das ist dann eine Konsequenz des gesamten Marktes. Es wäre eine völlig falsche Schlussfolgerung, wenn man nach dieser Krise sagen würde, wir gehen nicht mehr in die Baufinanzierung. Das wäre nicht gut für den Markt und nicht gut für die Leute. Es ist ein guter Markt, wenn man es richtig anpackt.

Kann so etwas wie in den USA in Deutschland passieren?

Nein. In den USA gab es eine Immobilienblase. In Deutschland sind die Preise seit zehn Jahren nicht gestiegen. Da ist null Spekulation drin. Zudem haben wir hier eine ganz andere Art der Kreditvergabe mit Zinsfestschreibungen für fünf, zehn oder 20 Jahre.

Sie werden dafür kritisiert, dass Sie 100-Prozent-Finanzierungen ohne Eigenkapital anbieten.

Es ist verlogen, wenn das jetzt mit der Hypothekenkrise in Verbindung gebracht wird. Wir sagen, 100-Prozent-Finanzierungen sind möglich und wir machen das auch, wenn die richtige Bonität dahinter steht. Die Sparkassen machen das übrigens auch, obwohl sie das offiziell nicht zugeben wollen.

Wie wird sich die deutsche Bankenlandschaft durch die Krise verändern?

Egal, was in der Welt geschieht: Deutschland wird im Bankenbereich hart getroffen werden. Denn die Struktur des Marktes ist unlogisch. Es gibt einfach zu viele Institute, und es ist sehr schwierig, Gewinne zu machen. Man versucht dann trotzdem alles, um im Wettbewerb zu überleben und macht dann Dinge, die man nicht versteht und die nicht richtig sind. Das hat sich jetzt gezeigt.

Sie spielen vor allem auf den öffentlich-rechtlichen Sektor mit Landesbanken und Sparkassen an?

Eine Struktur, die keinen fairen Wettbewerb zulässt und politikgetrieben ist, ist einfach nicht gesund. Und noch dazu zahlen die Kunden bei den Sparkassen zu viel für die Leistungen.

Die Sparkassen sind Ihr größter Wettbewerber. Kein Wunder, dass Sie sich ein Aufbrechen des öffentlich-rechtlichen Sektors wünschen. Er könnte Ihnen den Durchbruch bringen.

Das glaube ich nicht. Für uns ist die Struktur, wie sie jetzt ist, gut. Wir haben ineffiziente Wettbewerber. Aber es ist einfach nicht richtig, dass der Markt so reguliert ist. Ich denke, die Sparkassen werden in dieser Form nicht lange überleben.

Warum?

Zum Beispiel verkaufen sie Baufinanzierungen zu einem Preis, den sie sich gar nicht leisten können. Dann machen sie andere Geschäfte, etwa mit Konsumentenkrediten, um wenigstens ein paar Euro zu verdienen. Und was passiert, wenn man dauerhaft Geld ausgibt, das man nicht hat? Dann gibt es wieder eine Krise und das ist schlecht für den ganzen Markt.

Einige Banker sagen, das Gröbste sei überstanden. Glauben Sie auch, dass die Krise schon vorbei ist?

Es ist schwierig zu verstehen, wie jemand sagen kann, dass es vorbei ist. Woher will man das wissen? Ich hoffe, dass es stimmt, aber ich weiß es nicht. Die größeren Banken haben ihre Hausaufgaben gemacht und wissen jetzt, was los ist in ihren Büchern. Aber dass da links und rechts noch was kommt, das schließe ich nicht aus.

Sie hatten zu Jahresbeginn das Ziel von 500 000 bis 600 000 Neukunden für 2007 in Deutschland ausgegeben. Im ersten Halbjahr waren es aber nur gut 200 000. Ihr Ziel ist in weite Ferne gerückt.

Wir haben in diesem Jahr mehr Marketing-Geld für die Baufinanzierung ausgegeben als im vergangenen Jahr, weil es im Spargeschäft etwas schwieriger geworden ist. Ein Baufinanzierungskunde bringt uns viel mehr Volumen als ein Sparkunde. Die reine Anzahl von Kunden ist aber etwas geringer. Dennoch schätze ich, dass wir im Gesamtjahr noch über die Zahl von 400 000 Neukunden kommen werden. Und das ist der Netto-Zuwachs.

Ist der geringere Kundenzuwachs eine Folge des härter gewordenen Wettbewerbs um Privatkunden?

Es gibt einen richtigen Dumping-Wettbewerb. Es werden Preise gemacht, die man sich eigentlich nicht leisten kann. Aber wir machen da nicht mit. Trotz der schwierigen Situation haben wir ein schönes Wachstum im ersten Halbjahr und das werden wir auch im zweiten so fortsetzen können.

Sie haben den Wettbewerb einst mit einem hoch verzinsten Tagesgeldkonto angefacht und dieses Produkt hierzulande erst beliebt gemacht. Mittlerweile bietet die Konkurrenz aber höhere Zinssätze. Spüren sie das?

Ja, natürlich. Jeder hat mittlerweile gelernt, dass das Tagesgeld ein prima Produkt ist, um Kunden zu gewinnen. Man muss aber auch blind sein, wenn man das nicht versteht, nachdem uns die Kunden in vier oder fünf Jahren 50 Milliarden Euro gegeben haben.

Warum ziehen Sie bei den Zinsen nicht nach?

Weil wir im Haus noch immer das Motto haben, dass wir keinen Unterschied zwischen Bestands- und Neukunden machen. Es wäre für uns einfach, das Spiel mitzuspielen und zu sagen, wir erhöhen für Neukunden. Aber das ist nicht fair. Wir leben davon, dass unsere Kunden uns als faire Bank begreifen. Und für alle Kunden stark zu erhöhen, können wir uns momentan einfach nicht leisten.

Immer mehr Filialbanken steigen mit Tochtergesellschaften ins Direktbankgeschäft ein. Zudem drängt die Deutsche Bank mit ihrer Tochter Norisbank in den Billig-Sektor. Fürchten Sie die Konkurrenz?

Ich habe keine Angst. Die anderen Banken werden merken, dass es nur Ärger gibt, wenn man mit verschiedenen Preisen in einem Markt agiert. Das hat man bei der Deutschen Bank und ihrer Tochter Deutsche Bank 24 gesehen. Und jetzt versucht sie es wieder mit der Norisbank. Das funktioniert nicht.

Durch den Trend zum Direktbanking gehen in der Branche Arbeitsplätze verloren. Wird sich die Situation noch verschärfen?

Ja. Wir sind effizienter und brauchen deshalb weniger Mitarbeiter. Aber das muss man akzeptieren. Das ist eine normale Entwicklung in jedem Markt, der effizienter wird. Außerdem entstehen bei uns ja auch neue Jobs, zum Beispiel als Call-Center-Agents.

Diese Jobs haben in der Öffentlichkeit nicht gerade den besten Ruf.

Wir sind da anders. Wir haben die Bankmitarbeiter und die Call-Center-Mitarbeiter zusammengelegt und einen gemeinsamen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi gemacht. Das war der erste für eine Direktbank. Und die Mitarbeiter werden gut bezahlt. Sie haben keinen Verkaufsdruck, weil wir keine Provisionen bezahlen und niemand mit der Peitsche dahinter steht. Das sind ordentliche Jobs. Und wir fahren sehr gut damit.

Das Gespräch führte Stefan Kaiser

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