Finanzkrise : Die Iren klappen den Schirm zu

Als erstes Euro-Land braucht Irland keine neuen Rettungskredite mehr. Dublin will auf Sparkurs bleiben.

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Die Bank von Irland in Dublin. 2010 stand das Land am Rande eines Staatsbankrotts, die Banken mussten gestützt werden.
Die Bank von Irland in Dublin. 2010 stand das Land am Rande eines Staatsbankrotts, die Banken mussten gestützt werden.Foto: AFP

Zwischen Brüssel und Berlin wertet man das Ereignis offenbar schon als erstes Zeichen für den Anfang vom Ende der Schuldenkrise: EU-Kommission und Bundesregierung schickten am Freitag freundliche Grüße in die irische Hauptstadt Dublin. Der Anlass: Das Land erhält eine Auszahlung über 800 Millionen Euro. Es ist die letzte Rate des insgesamt 67,5 Milliarden Euro schweren Rettungspakets, das Irland im Jahr 2010 beantragen musste, als es kurz vor dem Staatsbankrott stand. An diesem Sonntag will das Land als erstes der Euro-Krisenländer, das Kredite brauchte, den sogenannten Rettungsschirm verlassen.

Der irische Finanzminister Michael Noonan zog am Freitag Bilanz und kündigte eine nachhaltige Schuldenpolitik seines Landes für die kommenden Jahre an. Irlands Schuldenquote werde im laufenden Jahr mit 124 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ihren Höhepunkt erreichen, sagte Noonan in Dublin. Die Verträge von Maastricht erlauben eigentlich nur 60 Prozent. Im Vorkrisenjahr 2007 hatte die Verschuldungsquote noch bei vorbildlichen knapp 25 Prozent gelegen.

Er sei zuversichtlich, dass der Schuldenstand schnell gedrückt werden könne. Eine erneute Rekapitalisierung von irischen Banken hält Noonan nicht für notwendig. Der Minister bezeichnete den Ausstieg aus dem Rettungsschirm als „entscheidenden Meilenstein“. Er bedeute jedoch nicht das Ende der Sparanstrengungen. „Wir können nicht noch einmal verrückt spielen.“

Der "Keltische Tiger" hatte Wachstumsraten von knapp zehn Prozent.

Irland war ab Mitte der 1990er Jahre vom Agrarland zum „Keltischen Tiger“ aufgestiegen mit jährlichen Wachstumsraten von knapp unter zehn Prozent. Möglich machte das eine konsequente Niedrigsteuerpolitik, die Dienstleistungs-, aber auch IT- und Softwarekonzerne aus den USA auf den westlichsten Vorposten Europas lockte. Die Iren profitierten zeitweilig von den höchsten Pro-Kopf-Einkommen der EU. Viele investierten das Geld in Grund und Boden. So traf der aufgeheizte Immobilienmarkt auf eine laxe Bankenregulierung. 2010 platzte die Blase. Mit Finanzspritzen für die Banken in Höhe von 345 Milliarden Euro hat Irland in der Krise weit mehr in sein Finanzwesen gepumpt als jedes andere europäische Land – und es übertrieben. Die Zinsen für irische Staatsanleihen schnellten auf bis zu 14,5 Prozent auf ein untragbares Niveau hoch. Das Land konnte sich nicht mehr an den Märkten finanzieren.

„Der Rettungsschirm war notwendig, weil wir auf den Märkten kein Geld mehr bekommen haben“, sagte Noonan rückblickend. Inzwischen sind die Zinsen für irische Anleihen aber wieder auf 3,5 Prozent gesunken. Und auch die stark eingebrochene Realwirtschaft kommt langsam wieder in Fahrt: Irland rechnet mit einem Wachstum von 1,8 Prozent im kommenden Jahr 2014. Die Arbeitslosenquote sank von einem Spitzenwert von 15,1 Prozent auf 12,9 Prozent im September. Die Neuverschuldung liegt nach mehr als 30 Prozent im Jahr 2010 derzeit bei rund sieben Prozent.

Experten raten, es mit dem Sparen nicht zu übertreiben.

Experten raten Dublin allerdings dazu, es mit dem Sparen nicht zu übertreiben: „Die Regierung war ziemlich radikal bei den Haushaltskürzungen. Es ist ein bisschen wie das Auspressen einer Zitrone – das geht nur bis zu einem gewissen Grad. Es wird sehr schwierig, weiter zu kürzen, bevor es nicht stärkeres Wachstum gibt, was ich aber nicht für wahrscheinlich halte“, sagte etwa Peter Dixon, Analyst bei der Commerzbank London, dem Tagesspiegel. Der Fall Irland sei nicht übertragbar auf größere Länder. Das Land habe es geschafft, den politischen und sozialen Zusammenhalt zu bewahren. Es gab keine großen Demonstrationen wie in Athen. In Frankreich etwa dürften Kürzungen viel schwerer fallen wegen der starken Gewerkschaften. „Es wird für Länder wie Frankreich, Italien oder Griechenland schwer, etwas Ähnliches zu erreichen“, sagte Dixon. mit dpa, rtr

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