Finanzkrise : Entscheidende Stunden für Quelle

Zehntausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Sollte die Bundesregierung die Nothilfe für Quelle ablehnen, droht einem weiteren Traditionsunternehmen das Aus.

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Die Lage bei Quelle spitzt sich zu. -Foto: dpa

FürthDie Sitzung währte bis in die Nacht, doch der rettende Überbrückungskredit über 50 Millionen Euro für Quelle ist nach tagelangem Tauziehen nun vereinbart. Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba, Vertreter des Konzerns, der Banken sowie der Länder Bayern und Sachsen handelten ein Darlehen aus, das bis Jahresende läuft und mit dem das insolvente Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb aufrechterhalten will.

Die Regierungen von Bayern und Sachen wollen am Dienstag die Auszahlung anweisen, sagte der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) nach Beratungen in Berlin. Der Bund werde die Staatsbank KfW beauftragen. Es werde erwartet, dass die EU-Kommission dem Kredit am Dienstag zustimme.

Somit sind die 8000 Beschäftigten des Fürther Unternehmens zunächst vor dem sofortigen Jobverlust bewahrt. Endgültig gerettet ist der Versandhändler nicht – erhält aber kostbare Zeit, um weiterzuarbeiten, sich neu aufzustellen und einen Investor zu finden. Das Tochter-Unternehmen des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor braucht dringend Kapital, um den neuen Katalog zu drucken, zu versenden und damit sein weiteres Bestehen zu sichern.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg gab sich nach dem Beschluss verhalten optimistisch. "Ich hoffe sehr, dass wir jetzt eine Basis haben, auf der wir beginnen können, die Gesellschaft zu reorganisieren", sagte er. Dies sei aber kein "Selbstgänger". Er hoffe jedoch auf einen "guten Ausgang". Bei dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Ernst Sindel herrschte dagegen "riesige Erleichterung". Der Kredit sei eine "wahnsinnige Motivation". Geschäftsführer Konrad Hilbers sprach von einer "fairen Chance" für Mitarbeiter und Kunden, die es jetzt zu nutzen gelte.

Bayern und Sachsen hatten zugesagt, 25 Millionen Euro des Kredits zu übernehmen. Der Rest sollte vom Bund kommen. Wie allerdings die Süddeutsche Zeitung berichtete, hält die Regierung Quelle für nicht überlebensfähig.

Das sieht man in der bayerischen Staatskanzlei naturgemäß anders, hängen doch allein in Bayern nach Angaben des Quelle-Gesamtbetriebsrats mehr als 10.000 Arbeitsplätze verschiedener Branchen an dem Unternehmen. Das Schicksal des Fürther Versandhändlers beschäftigt auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Mit dem Kredit erhalte der Versandhändler "eine faire Chance", sagte der Regierungschef am Abend.

Bereits am Wochenende hatte er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Verantwortung für die Rettung von Quelle zugewiesen. Merkel müsse dafür sorgen, dass es eine positive Entscheidung gebe. Die Forderung aus der Regierung nach weiteren Sicherheiten sei für ihn nicht nachvollziehbar. "Man muss allmählich die Frage stellen: Gefährdet Politik durch ihr Verhalten Arbeitsplätze?", sagte Seehofer.

Merkel wiederum hatte diese Forderung zurückgewiesen. Die Prüfungen der zuständigen Ministerien für Finanzen und Wirtschaft würden mit Hochdruck laufen, betonte die CDU-Parteivorsitzende. Sie lasse sich über den Fortgang zwar informieren, die Zuständigkeiten blieben aber unverändert. Die tagelange Prüfung des Kredits erklärte Merkel damit, dass dabei auch die strengen Vorgaben der Europäischen Union (EU) für staatliche Hilfe eingehalten werden müssten.

Die Europäische Kommission muss den Kredit prüfen. Wie ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums am Montag in Berlin sagte, habe man den geplanten Massekredit bei der EU angemeldet. Es habe die Zusicherung gegeben, das Vorhaben schnell zu prüfen.

Allerdings dürfte der Notkredit Quelle nur vorübergehend das Überleben sichern. Ziel einer Staatshilfe sei es lediglich, die Zeit bis zum Einstieg eines Investors und einer Sanierung zu überbrücken, verlautete aus der Bundesregierung. Dies habe der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg selbst stets betont. Quelle werde kaum um den Abbau von Arbeitsplätzen herumkommen.

Der Quelle-Mutterkonzern Arcandor bestätigte zudem am Montag, kurz vor der Insolvenz am 9. Juni die Konten bei Quelle leer geräumt zu haben. Damit verfügt Quelle nicht mehr über eigene Barmittel. Arcandor verteidigte dieses "Cash-Pooling" als ein übliches Instrument in Konzernen. Diesem Verfahren seien bis zur Insolvenz-Anmeldung alle 100-prozentigen Töchter angeschlossen gewesen, sagte Finanzvorstand Rüdiger Günther.

Mit diesem System könnten "temporäre Kontenunterdeckungen in einzelnen Unternehmen durch Überschüsse anderer am Cash-Pooling teilnehmender Unternehmen sehr schnell ausgeglichen werden". Auch ohne dieses Verfahren hätte eine Insolvenz "definitiv nicht verhindert" werden können, versicherte er. Allerdings stehen damit zur Absicherung des Staatskredites keine Quelle-Barmittel als Sicherheit bereit.

Deutlich günstiger als für Quelle sind unterdessen offenbar die Aussichten für die Arcandor-Warenhaustochter Karstadt. Laut Welt am Sonntag haben inzwischen 15 potenzielle Investoren Interesse an Karstadt-Filialen bekundet. Als Favorit gelte weiterhin Konkurrent Metro, der mit seiner Tochter Kaufhof auf eine Warenhaus-Allianz drängt und den Großteil der Karstadt-Häuser übernehmen will.

ZEIT ONLINE, dpa, Reuters

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