Finanzkrise : Gewonnen, zerronnen

Zwei Nachbarn in der Finanzkrise: Der eine verliert das Ersparte, der andere gewinnt ein kleines Vermögen. Falls es einen Finanzmarkt-Gott gibt, muss er wohl ein fieser Drecksack sein.

Kevin Hoffmann

Berlin - Zwei Männer aus Zossen im Landkreis Teltow-Fläming. Sie arbeiten im selben Autohaus in Ludwigsfelde am südlichen Berliner Ring und haben beide etwas Geld auf die hohe Kante gelegt. Und dieser Tage wurden alle beide wie vom Blitz durch die Finanzkrise getroffen. Der eine macht seither nachts kaum ein Auge zu. Sein Kollege aber ist überglücklich und fährt jetzt erstmal ein paar Tage in den Urlaub.

Kfz-Meister Sven Rupprecht, verheiratet und Vater von zwei Töchtern, ein und zehn Jahre alt, leitet den Service-Bereich in dem Autohaus. Vor vier Monaten legte er 11 600 Euro als Tagesgeld bei der deutschen Tochter der isländischen Bank Kaupthing Edge an. „Das war ein wichtiger Teil unserer Ersparnisse“, sagt er. Am Abend des 10. Oktober, kurz bevor er mit seiner Frau auf ihren Geburtstag anstoßen wollte, setzte er sich noch an den PC, um E-Mails zu checken. Da las er auf der Startseite eine kleine Nachricht: „Konten der Kaupthing Bank gesperrt. Island kurz vor dem Staatsbankrott.“ Die isländische Finanzaufsicht hatte alle Einlagen aus dem In- und Ausland eingefroren, um das größte Institut des Landes vor dem Zusammenbruch zu bewahren. „Da war der Abend erstmal gelaufen“, untertreibt er und räumt dann ein: Es war Panik. In den nächsten Tagen war ihm „andauernd zum Heulen zumute“.

Rupprechts Kollege Daniel Krüger ist 27 Jahre alt und ledig. Der Gebrauchtwagenverkäufer entschied sich Anfang September nach der Beratung mit Verwandten, Aktien von VW zu kaufen – zum Kurs von 151 Euro. Er wollte sie „so etwa zwei, drei Jahre“ halten. Dafür lieh er sich Geld, investierte 15 000 Euro. Vergangenen Dienstag bei der Arbeit kam ein Kollege zu ihm und sagte: „Hast Du gesehen? VW ist bei über 1000 Euro!“ Krüger sagte: „Du spinnst doch!“, und schaute im Internet nach. Krüger verkaufte und bekam immerhin noch 943 Euro pro Stück. Das machte 94 000 Euro. 79 000 Euro reiner Gewinn, nur weil die VW-Aktie wegen komplizierter Finanzgeschäfte im Zusammenhang mit der Übernahme durch Porsche einmalig wie eine Rakete abhob.

Nun könnte man sagen: Wenn es einen Finanzmarkt-Gott gibt, muss er ein fieser Drecksack sein. Wie sonst kann er zwei Nachbarn und Kollegen, die sich schätzen und fast gleichzeitig fast gleich viel Geld investieren, so ungleich behandeln? Gibt es eine Moral in der Geschicht? Pechvogel Sven Rupprecht musste sich die Frage anhören, warum er sein Geld ausgerechnet bei einer isländischen Bank anlegen musste: Er sei wohl scharf auf die 5,65 Prozent Zinsen gewesen. „Nein, ich bin kein Gierhals“, sagt er. „Ich habe mein Geld nicht bei Nacht und Nebel in einer Plastiktüte mit der Fähre nach Island verschifft, um es dort hochspekulativ anzulegen.“ Es sei die Frankfurter Niederlassung einer isländischen Bank mit deutscher Bankleitzahl gewesen.

Die Bank hatte mit Online- und Zeitungsanzeigen geworben – auch im Tagesspiegel. Rupprecht informierte sich auch bei der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin und erfuhr, dass Anlagen bei der Bank bis zu einer Höhe von 20 887 Euro im isländischen Einlagensicherungsfonds geschützt sind. Bei einer Verbrauchersendung im TV wurden die Zinsen der Bank positiv erwähnt. „Da hab ich die Unterlagen meiner Frau gezeigt und dann haben wir das gemacht“, sagt Rupprecht. „Ich bin kein Zocker.“

Rund 30 000 Kaupthing-Kunden in Deutschland teilen Rupprechts Schicksal, mit Einlagen von 300 Millionen Euro. 4000 betroffene Kunden sind jetzt in einem Internet-Forum organisiert. Vergangene Woche haben finnische und österreichische Behörden Island Darlehen gewährt, damit die heimischen Kunden ihre Einlagen zurückerhalten. „Deutschland ist damit das letzte Land, in dem die Kaupthing Bank präsent war, in dem die Regierung noch nichts für ihre Sparer erreicht hat“, sagt Jochen Heimberg, Sprecher des Betroffenen-Forums.

Rupprecht erwartet keine Wunder, aber eine Lösung dieses für ihn und seine Familie „existenzbedrohenden Problems“, wie er sagt. „Ich möchte nichts geschenkt, sondern lediglich mein hier in Deutschland hart verdientes und mehrfach versteuertes Eigentum zurück.“ Am Freitag erklärten die Isländer die Bank formal für bankrott, womit der Schadensfall eintritt. Trotzdem bleibt unklar, ob die Kunden ihr Geld je wiedersehen.

Hätte er als Familienvater etwa auch zocken und alles auf eine Aktie setzen sollen? Nach welchen Kriterien hat sein Kollege Krüger überhaupt entschiedenen, ausgerechnet Volkswagen-Aktien zu kaufen? „Och, das Autohaus, bei dem wir beide arbeiten, ist doch VW-Vertragspartner. Damals dachte ich, ich investier’ einfach ’mal in meinen Arbeitgeber.“

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