Finanzkrise : Griechenland: Viel Sonne, wenig Industrie

Tourismus und Dienstleistungen prägen die Wirtschaftsstruktur Griechenlands. Eine für ausländische Investoren interessante Entwicklung nimmt die Energiebranche.

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Typisch griechisch. Urlauber lieben das sonnenreiche Land, 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liefert der Tourismus.
Typisch griechisch. Urlauber lieben das sonnenreiche Land, 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liefert der Tourismus.Foto: Imago

Berlin - Geschäftsreisende, die in Griechenland unterwegs sind, müssen auf alles vorbereitet sein. Im persönlichen Umgang mit örtlichen Partnern solle es niemanden verwundern, „wenn ihm zwischendurch zustimmend auf die Schulter geklopft wird“. Auch könne bei Tisch das Anstoßen mit dem Glas „eine Spur schwungvoller ausfallen als erwartet“. Bei Zusammenkünften außerhalb des Verhandlungsraumes seien Familie und Urlaub bevorzugte Gesprächsthemen.

Diese Tipps für die Verhandlungspraxis hat die deutsche Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing zusammengestellt. Die Organisation berät Unternehmen bei der Erschließung neuer Märkte. Anzunehmen ist, dass die Handreichung aktualisiert werden muss. Griechen und ihre Geschäftspartner dürften derzeit kaum Urlaubserlebnisse austauschen, sondern düstere Befürchtungen, dass das hochverschuldete Land nicht mehr auf die Beine kommt.

Dabei wäre das Thema Urlaub gar nicht so abwegig. Die griechische Wirtschaft lebt vom Tourismus: Direkt und indirekt trägt er rund 17 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Höhe von gut 240 Milliarden Euro bei. Damit ist die Tourismuswirtschaft die wichtigste Branche des Landes, das im Jahr etwa 300 Sonnentage zählt und eine 15 000 Kilometer lange Küste sowie mehr als 9200 Hotels hat.

Eng mit dem Tourismus verbunden ist auch der zweitwichtigste Wirtschaftszweig: die Schifffahrt. Sie bestreitet rund zehn Prozent des BIPs. Weil Griechenland mehr als 3000 Inseln hat, von denen mehr als 100 bewohnt sind, spielt der Schiffsverkehr naturgemäß eine große Rolle. Die Griechen verfügen über eine der größten Handelsflotten der Welt. Zahlreiche Schiffe sind in anderen Ländern (Panama, Liberia u. a.) registriert. Sechs Milliarden Euro – so die bisherigen Pläne – will die griechische Regierung bis 2015 allein in die Modernisierung der Häfen investieren. Das Großprojekt ist nach dem Straßenbau (sieben Milliarden Euro) das wichtigste öffentliche Investitionsvorhaben der Athener Regierung.

Das beliebte Reiseziel Griechenland gilt als die strukturschwächste Volkswirtschaft des Euroraums. Großindustrie (Bergbau, Energie) gibt es kaum, kleine und mittelständische Betriebe dominieren. Drei Viertel der Wirtschaftsleistung entstehen im Dienstleistungssektor, wobei Handel, Gastgewerbe, Transport und Kommunikation dabei an der Spitze liegen. Die Landwirtschaft leistet zwar einen vergleichsweise geringen Beitrag zum BIP, aber noch jeder achte Grieche ist im Agrarsektor beschäftigt. Wie kleinteilig dieser Sektor arbeitet, zeigt die hohe Zahl landwirtschaftlicher Parzellen: etwa 5,4 Millionen. Nahrungsmittel gehören zu den wichtigsten Ausfuhrgütern.

Eine für ausländische Investoren interessante Entwicklung nimmt die Energiebranche. Bis Ende 2010 sollen seit 2007 insgesamt 4,5 Milliarden Euro in den Bau neuer Elektrizitätswerke investiert werden. Zusätzlich fließen 2,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien. Das sonnenreiche Land habe „dank seiner geografischen Bedingungen ein großes Potenzial für Solarenergie“, sagt Stefan Säuberlich, Chef des deutschen Solarunternehmens Solon. Am Donnerstag gab Solon bekannt, mit dem griechischen Unternehmen NRG-Orion einen Projektvertrag über die Lieferung von Solarmodulen geschlossen zu haben. Dies bestätige ihn darin, „dass das Land ein Markt mit Zukunftsperspektive ist“, sagte Säuberlich. Ein Satz mit Seltenheitswert in diesen Tagen.

Mit Blick auf die Finanzprobleme des Staates ist auch die stabile Situation des Bankensektors erstaunlich. „Mit Ausnahme der staatlich kontrollierten Postsparkasse hatte keines der griechischen Institute in Subprime-Produkte investiert“, zeigt eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). „Selbst als Kreditinstitute weltweit in der Finanzkrise steckten, ließ dies den griechischen Bankensektor weitgehend unbeeindruckt.“ So spielen Banken auch bei Fusionen und Übernahmen in Griechenland die Hauptrolle. Ein Viertel der von griechischen Investoren getätigten Transaktionen zwischen 1999 und 2009 fanden laut ZEW in der Finanzbranche statt. Doch die Krise hat auch dieses Geschäft zurückgedrängt. Das Volumen sank 2009 um drei Milliarden Euro im Jahresvergleich auf vier Milliarden Euro.

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