Finanzkrise : Rauere Zeiten

Die negativen Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Unternehmensfinanzierung in Deutschland sind bereits deutlich zu spüren. Immer mehr Firmen haben Probleme, Kredit zu bekommen. Das DIW erwartet trotzdem keine Rezession.

Stefan Kaiser,Antje Sirleschtov

Berlin - Die negativen Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Unternehmensfinanzierung in Deutschland sind bereits deutlich zu spüren. Das hat eine Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ergeben, deren Ergebnisse dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach klagten 23 Prozent der Unternehmen darüber, dass sie bereits mit schlechteren Bedingungen bei der Kreditvergabe im Vergleich zum Frühjahr dieses Jahres zu kämpfen hätten. Ähnlich schlechte Werte verzeichnete die Umfrage des DIHK zuletzt im Herbst 2002. Von einer Kreditklemme – jener Situation, in der Unternehmen Investitionen oder sogar das laufende Geschäft nicht mehr reibungslos abwickeln können, weil Banken ihnen keine adäquaten Kredite zur Verfügung stellen wollen, will der DIHK allerdings noch nicht sprechen. Die Umfrage zeigt: Besonders zurückhaltend sind die Banken bei der Kreditvergabe in der Baubranche.

Der Groß- und Außenhandel ist dagegen optimistisch. „Wir spüren keinerlei Kreditklemme“, sagte der Präsident des Verbandes BGA, Anton Börner, am Mittwoch. „Und wir haben keine Hinweise darauf, dass es in der Zukunft schwieriger wird, Geld zu bekommen.“

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht momentan keine Anzeichen dafür, dass die Finanzkrise auf die Realwirtschaft überspringt. „Wir sehen derzeit zwei Welten“, sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann bei der Vorstellung der DIW-Herbstgrundlinien am Mittwoch in Berlin. Die Finanzmärkte erlebten die heftigste Krise seit Jahrzehnten. „Aber die reale Welt funktioniert weiter“, sagte Zimmermann. Das DIW bleibe deshalb bei seiner vergleichsweise optimistischen Prognose. Die Forscher erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum von 1,9 Prozent, 2009 soll die Wirtschaftsleistung immerhin noch um ein Prozent zulegen. Bei ihrer letzten Prognose im Juli waren sie noch etwas optimistischer. Zur Jahresmitte verzeichne die deutsche Exportwirtschaft jedoch eine deutliche Delle, hieß es. Dennoch werde die Arbeitslosenzahl weiter zurückgehen und im kommenden Jahr bei durchschnittlich 3,1 Millionen liegen, nach 3,3 Millionen in diesem Jahr.

Die Forscher setzen ihre Hoffnung vor allem auf die Verbraucher. Während die Exportwirtschaft weiter unter der weltweiten Konjunktureintrübung leide, soll der private Konsum die Wirtschaft stützen. 2009 würden die verfügbaren realen Einkommen erstmals seit Jahren wieder steigen. Dazu trage auch eine Entspannung bei den Energie- und Lebensmittelpreisen bei.

DIW-Chef Zimmermann warnte angesichts der Krise an den Finanzmärkten vor Panik. „Nur ein Teil der realen Wirtschaft findet an der Börse statt“, sagte er. Die aktuelle Dramatik habe mehr mit Psychologie als mit realen Entwicklungen zu tun.

Zimmermann mahnte auch die Unternehmen, eigene Probleme nicht auf die Finanzkrise zu schieben. „Möglicherweise wird da auch etwas zweckdramatisiert“, sagte er mit Blick auf einige Autohersteller, die am Dienstag Produktionsstopps wegen sinkender Absatzzahlen bekannt gegeben hatten. Es sei möglich, dass man sich so nur eine gute Position für die Lohnverhandlungen sichern wolle. Mit der Finanzkrise habe dies nichts zu tun.

Der Optimismus der Berliner Forscher wurde am Mittwoch von Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums gestützt. Demnach haben Industrie, Bau und Energiewirtschaft ihre Erzeugung im August so kräftig gesteigert wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Produktion im gesamten Verarbeitenden Gewerbe legte preis- und saisonbereinigt um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu. Im Juli hatte es noch ein Minus von 1,6 Prozent gegeben. Durch die für einen August ungewöhnlich geringe Zahl von Ferientagen sei der Zuwachs allerdings überzeichnet, schrieb das Ministerium.

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