Finanzkrise : Schattenbanken - Risiken im Dunkeln

Ein großer Teil der globalen Finanzgeschäfte läuft über Schattenbanken. Wer sich dahinter verbirgt und wo die Gefahr liegt.

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Über Zweckgesellschaften wie die der Mittelstandsbank IKB wurden die Risiken der Schattenbanken mit voller Wucht sichtbar.
Über Zweckgesellschaften wie die der Mittelstandsbank IKB wurden die Risiken der Schattenbanken mit voller Wucht sichtbar.Foto: dpa

Sie betreiben Bankgeschäfte, verleihen Geld oder legen es im Auftrag von Kunden an – und trotzdem sind es keine Banken. Damit unterliegen sie auch nicht der Regulierung, werden faktisch kaum kontrolliert. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 ist das weitgehend gut gegangen. Dann wurden die Risiken solcher Schattenbanken mit voller Wucht sichtbar – in den USA über Hypothekenfinanzierer wie Fannie Mae und Freddie Mac, in Deutschland über Zweckgesellschaften wie die der Mittelstandsbank IKB. Die Institute hatten sich verspekuliert, durch ihre Verbindungen zu klassischen Banken stürzten sie die Finanzwelt in eine dramatische Krise. Seitdem wird über die Regulierung von Schattenbanken diskutiert. Passiert ist wenig.

Dabei hat sich das Volumen des weltweiten Schattenbanken-Systems weiter erhöht: auf gigantische 46 Billionen Euro. Diese Zahl steht im gerade veröffentlichten Grünbuch der EU zum Schattenbankwesen. In nur acht Jahren hat sich das Volumen der Schattenbanken mehr als verdoppelt. Sie wickeln mittlerweile 25 bis 30 Prozent der Geschäfte des weltweiten Finanzsystems ab. In den USA soll der Anteil sogar bei 40 Prozent liegen, in Großbritannien bei 13, in Deutschland soll er nur etwa fünf Prozent betragen.

Zu Schattenbanken zählen Hedgefonds, Beteiligungsgesellschaften (Private Equity), Tochtergesellschaften von Banken, die nicht in der Bilanz auftauchen wie jene Zweckgesellschaften der IKB, Geldmarkt- und Investmentfonds, börsengehandelte Indexfonds (ETF), Wertpapierfirmen, Versicherer, die Kredite vergeben, aber auch Firmen, die unerlaubte Geschäfte betreiben etwa um Geld zu waschen. Eindeutig ist die Definition nicht. Schattenbanken werden nicht generell verteufelt. Sie böten Alternativen zur Geldanlage und Kreditaufnahme bei Banken, heißt es bei der EU. Es geschehe erst einmal nichts Illegales oder Unerwünschtes, sagt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. „Wir halten ein breites Spektrum für vorteilhaft.“ Jedoch müsse man auf die „ganz erheblichen“ Risiken achten.

Während sich Staaten und Bankenaufseher seit 2007 um schärfere Auflagen für Banken kümmern und mit den Vorschriften nach „Basel III“ deutlich mehr Eigenkapital für risikoreiche Geschäfte einfordern, bleiben Schattenbanken außen vor. Vielmehr werden Finanzgeschäfte wegen der strengeren Regulierung klassischer Banken zunehmend in den Schatten verlagert. „Das ist ein Treppenwitz und ein Irrsinn. Dieser Sektor ist keine vom Rest der Welt abgeschottete Spielhölle“, meint Jochen Sanio, Ex-Präsident der Bundesanstalt für Finanzaufsicht und scharfer Kritiker der Schattenbanken. Ohne Regulierung und Transparenz bei den Schattenbanken gebe es nur scheinbare Sicherheit, sagt auch seine Nachfolgerin Elke König. „Dort können sich unbemerkt und unkontrolliert Risiken aufbauen, die zu einer Gefahr für die Stabilität des gesamten Finanzmarktes werden können.“ Hedgefonds, sagt Sanio, seien dabei die gefährlichsten Akteure. „Ihr Zerstörungspotenzial ist enorm.“ Die größten hätten eine so starke Marktstellung, dass es zu gefährlichen Verwerfungen käme, wenn nur einer zusammenbräche. „Was sie alles an gefährlichen Dingen treiben, wissen wir nicht – ein Zustand, der mich seit Jahren fassungslos macht“, sagt Sanio.

Die Gefahren der Schattenbanken ergeben sich daraus, dass sie von Banken über Kredite oder auch die Wertpapierleihe vermutlich in Milliardenhöhe mitfinanziert werden. Bei Schieflagen könnten etwa Hedgefonds die Kredite möglicherweise nicht zurückzahlen. Oder sie müssten milliardenschwere Anlagen überstürzt abbauen, was die Preise am Finanzmarkt insgesamt ins Trudeln bringen würde.

Die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und ihr Finanzstabilitätsrat FSB wollen sich der Schattenbanken annehmen. In Brüssel will man im Herbst strikte Regeln verabschieden, wie Binnenmarkt-Kommissar Michael Bannier Mitte März andeutete. Sanio zufolge müsste es eine umfassende Aufsicht und ähnlich harte Auflagen wie bei klassischen Banken geben. „Dazu gehören vor allem Eigenkapital- und Liquiditätsregeln, Anforderungen an die fachliche Eignung und Zuverlässigkeit der Geschäftsleiter und Vergütungsregeln, die eine exzessive Risikobildung bestrafen.“

Doch in den USA und Großbritannien ist das Interesse an einer Regulierung deutlich geringer als hierzulande. Ohnehin ist das ganze System schwer zu fassen, wie Bundesbanker Dombret sagt. „Das Typische des sogenannten Schattenbanksystems ist, immer wieder mit Innovationen und Umgehungsmöglichkeiten in den Markt einzugreifen.“ Sven Giegold, Finanzexperte der Grünen im EU- Parlament, sind die Vorschläge der EU viel „zu vage und nicht im Ansatz geeignet, die Regierungslücken zu schließen“. Und Ex-Bankenaufseher Sanio sagt, wenn es keine globalen harten Standards gebe, „können wir die ganze Unternehmung vergessen“.

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