Finanzkrise : "Sie haben unser Vermögen verzockt"

Die Hauptversammlung der IKB gerät zur Abrechnung. Der Aufsichtsrat will nichts gewusst haben.

Jürgen Zurheide
IKB
Im Schatten. Der neue Vorstand der IKB hat keinen leichten Stand. -Foto: ddp

Düsseldorf - Ulrich Hartmann verspricht sich schon nach wenigen Sätzen. Wie bei Hauptversammlungen üblich, bedankt sich der Aufsichtsratschef der IKB beim Vorstand „für die gute Arbeit“ – Schrecksekunde, Gemurmel im Saal. Noch einmal setzt er an und dankt ausdrücklich nur dem „neuen Vorstand“.

Der alte Vorstand war im vergangenen Sommer entlassen worden, nachdem bekannt geworden war, dass sich die kleine Düsseldorfer Mittelstandsbank mit Milliardensummen auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert hatte. Der Staat musste mit Milliarden aushelfen, die Aktie verlor fast 90 Prozent an Wert.

Am Donnerstag berichtet Hartmann den Aktionären, dass vier der entlassenen Vorstandsmitglieder der IKB im Moment kein Geld mehr von der Bank erhalten. Auch Abfindungen seien nicht gezahlt worden. Beifall bekommt er dafür nicht – das ist das Mindeste, was die Aktionäre erwartet haben.

Ulrich Hartmann hat keinen leichten Stand. Die Aktionäre rechnen dem Aufsichtsratschef vor, „dass hier Milliarden verzockt wurden“, während sich der Aufsichtsrat von den Versprechen des Vorstandes vertrösten ließ.

Bei Ulrich Hartmann hört sich das ganz anders an. „Offensichtlich haben sich die meisten diesen Zusammenbruch nicht vorstellen können“, sagt der ehemalige Chef des Energiekonzerns Eon immer wieder. Er nennt Institutionen wie die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin, die auch nicht vor den riskanten Geschäften gewarnt hatten und schließt seinen Vortrag mit dem Credo: „Der Aufsichtsrat ist seinen Pflichten ordnungsgemäß nachgekommen.“

In solchen Momenten vermerkt das Protokoll den einen oder anderen Zwischenruf, mal heißt es „das ist ja ein Hohn“ oder „völlig unfähig“. Die meisten der gut 1000 Kleinaktionäre, die in den zurückliegenden Monaten an die 90 Prozent ihres Anlagevermögens in IKB Papieren verloren haben, sehen kaum eine andere Möglichkeit, als sich hin und wieder durch ein Zwischenruf Luft zu verschaffen. In den Gängen rings um die Düsseldorfer Stadthalle debattieren sie. „Ich hatte einen nicht unerheblichen Teil meiner Altersversorgung in IKB-Papiere angelegt, das war lange sicher und profitabel“, sagt einer, „das war doch ein Witwen- und Waisenpapier, ohne besonderen Charme, dafür mit überschaubaren Risiken“.

Genau das hat sich nach 2001 geändert. Vom breiten Publikum weitgehend unbemerkt hat der frühere Vorstand um Alexander von Tippelskirch die Strategie der Bank geändert und sich neben dem eigentlichen Geschäft mit soliden Mittelstandskunden auf die neuen Märkte begeben. „Hybride Papiere“ werden auf dieser Hauptversammlung zum geflügelten Wort. „Bei zwei Milliarden Eigenkapital haben Sie direkt oder indirekt mindestens zehn Milliarden solcher Papiere gehalten, das nenne ich unverantwortlich“, schimpft ein Aktionär und attackiert Ulrich Hartmann persönlich, „das durften Sie nicht zulassen, man muss kein Wirtschaftsprüfer sein, um zu erkennen, dass das nicht geht.“ Auch Franz Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) übt Kritik: „Sie haben unser Vermögen verzockt“, ruft er Hartmann zu und weist auch gleich darauf hin, dass man es hätte wissen können: „Die Zeitschrift ,Risk’ hat schon 2003 detailliert auf die hohen Risiken bei der IKB hingewiesen, warum haben Sie das nicht überprüft?“. „Die Zeitung wird nicht so gelesen“, antwortet Hartmann matt; in der Tat informieren sich über „Risk“ vor allem die Manager von Hedgefonds.

Insgesamt 8,5 Milliarden Euro an Stützungsgeldern haben die unkontrollierten Ausflüge der Vorstände in die große Finanzwelt inzwischen gekostet, den größten Teil hat die öffentliche Hand bereit- stellen müssen. „Für das abgelaufene Geschäftsjahr wurde jeder Bundesbürger vom Säugling bis zum Greis mit 100 Euro zur Kasse gebeten“, rechnet die Ehefrau des Kritikers Kurt Fiebig vor, „und wir alle wurden genauso wenig gefragt, wie die Aktionäre hier.“Alexander von Tippelskirch, der in der hintersten Reihe der Aufsichtsräte Platz genommen hat, sackt bei solchen Angriffen immer weiter in sich zusammen. Immerhin hat der Aufsichtsrat auf Druck des Mehrheitsaktionärs, der staatlichen KfW-Bank zugestimmt, dass er bei dieser Hauptversammlung nicht entlastet wird. „Noch nicht“, hatUlrich Hartmann freilich gesagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben