FINANZKRISEWer zahlt für das Debakel? : Sorge um die Banken reißt Börsen in die Tiefe

Der Dax verliert in der Spitze fast neun Prozent – das Misstrauen gegen die Finanzindustrie wächst von Tag zu Tag

Carsten Broenstrup

Berlin - Die Finanzmarktkrise hat die Aktienmärkte am Montag erneut auf Talfahrt geschickt. Der deutsche Leitindex Dax sank um mehr als sieben Prozent auf 5387 Punkte – und damit auf den tiefsten Stand seit Juni 2006. Beschleunigt hatte die Talfahrt die Eröffnung der US-Börsen am Nachmittag – dort fiel der Industriewerte-Index Dow Jones erstmals seit vier Jahren unter die wichtige 10 000- Punkte-Marke. Im Handelsverlauf verlor der Dow zeitweise mehr als 800 Punkte, erholte sich dann aber etwas und schloss mit einem Minus von 3,5 Prozent bei 9959 Punkten. Der japanische Leitindex Nikkei fiel mit einem Minus von mehr als vier Prozent auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. In Brasilien lösten die Turbulenzen eine Börsenpanik aus, Russland und Hongkong waren ebenfalls betroffen. Vor allem Finanztitel zählten weltweit zu den großen Verlierern.

„An der Börse kursiert die Angst, dass noch mehr Banken pleitegehen“, sagte ein Aktienhändler. Rohöl der US-Sorte WTI verbilligte sich um vier auf 89,48 Dollar. Auch der Euro-Wechselkurs verlor und steht nun bei 1,36 Dollar. „Jetzt wird geguckt, wer noch alles Leichen im Keller haben könnte und als Nächstes über die Wupper geht“, befand ein Händler. Auslöser für die Probleme war hierzulande das Misstrauen der Anleger gegenüber den deutschen Banken und Versicherungen nach der erneuten Rettung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE). Die Aktie des Münchner Dax-Konzerns brach um mehr als 37 Prozent ein. Das Finanzministerium beteuerte zugleich, es handele sich bei der HRE um ein grundsolides Unternehmen.

Das erste Rettungspaket von 35 Milliarden Euro war am Samstag gescheitert, weil der Finanzbedarf bei HRE viel höher ist als gedacht. Die Banken hatten danach ihre Kreditlinie um 15 auf nun 50 Milliarden Euro aufgestockt. Der zusätzliche Kredit ist mit Vermögenswerten der HRE besichert. Möglich wurde dies, weil die Europäische Zentralbank Wertpapiere der HRE neu einstufte. Der bereits von Bund und Banken zur Verfügung gestellte Bürgschaftsrahmen von maximal 35 Milliarden Euro, der im Notfall greifen soll, bleibt unverändert. Davon schultern die Banken 8,5 Milliarden, der Bund 26,6 Milliarden Euro.

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte, die kurzfristige Offenlegung des neuen Milliardenlochs habe bei ihm, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und auch den Banken „einigermaßen Entsetzen“ ausgelöst. Die Aufstellung des Hilfspakets sei aber unumgänglich gewesen, um „unabsehbare Folgen“ für das Finanzsystem in Deutschland und Europa zu verhüten.

Steinbrück kritisierte, dass das HRE- Management ihn trotz der zugesagten Staatsbürgschaft mit einem anwaltlichen Schreiben bedacht habe. Darin wird ihm firmenschädigendes Verhalten vorgeworfen, weil er zunächst als Endziel eine „Abwicklung“ des Konzerns genannt und nicht von einer geordneten „Verwertung“ von Vermögen gesprochen hatte. Dieser Vorwurf sei „ungeheuerlich“ und verwische die Verantwortlichkeiten, sagte der Finanzminister.

Angesichts der dramatischen Lage an den Finanzmärkten hat die US-Notenbank Fed die Ausweitung ihres Kreditprogramms für in Not geratene Banken angekündigt. Damit kann sie bis Jahresende bis zu 900 Milliarden Dollar in den Geldmarkt pumpen, um die Liquidität der angeschlagenen Institute sicherzustellen.

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