Finanzmarkt : Mehr Licht

Nach der Zinssenkung in den USA reagieren die Börsen positiv. Jetzt fordern Volkswirte und Politiker mehr Transparenz und Kontrolle.

Henrik Mortsiefer,Antje Sirleschtov
159914_0_7900eb4b
Aktienhändler bei der Arbeit. Viele Finanzprodukte sind heute so kompliziert, dass auch den Aufsichtsbehörden die Kontrolle...Foto: dpa

Berlin - Ratingagenturen, Hedgefonds und Bankenaufsicht droht eine öffentliche Debatte über ihre Verantwortung in der aktuellen Finanzmarktkrise. Politiker und Finanzexperten zeigten sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel am Sonntag alarmiert und forderten mehr Transparenz. Während sich die Lage an den Börsen nach der US-Zinssenkung am Freitag zunächst stabilisierte, wird der Ruf nach mehr Kontrolle weitgehend unbeaufsichtigter Finanzmarktakteure immer lauter.

Die Rolle der spekulativen Hedgefonds, die beim G-8-Gipfel in Heiligendamm nur ein Randthema waren, dürfte beim nächsten Treffen der sieben führenden Industrienationen im Oktober in Washington weit oben auf der Tagesordnung stehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt mehr Transparenz an den Finanzmärkten an. „Wir müssen beispielsweise bei den Hedgefonds künftig wissen, wo das Kapital herkommt und wie hoch die Kredit- Risiken sind“, sagte sie der „Bild am Sonntag“. Merkel will auch die einflussreichen Rating- agenturen auf den Prüfstand stellen.

„Ich habe den Eindruck, auch liberale Kräfte werden langsam nachdenklich“, sagte der finanzpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Otto Bernhardt, dieser Zeitung. Die USA und Großbritannien wehren sich gegen eine schärfere Kontrolle der Fonds. Bernhardt glaubt nicht, dass den „Heuschrecken“ national beizukommen ist. Regelungen könnten nur auf internationaler Ebene sinnvoll sein.

Andere Stimmen in der Union werden deutlicher. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, wo man auch Amerikanern und Briten klarmachen kann, dass Hedgefonds und Ratingagenturen keinen Persilschein bekommen dürfen“, sagte Alexander Radwan, CSU-Europaabgeordneter und wirtschaftspolitischer Sprecher der EVP- Fraktion im EU-Parlament, dem Tagesspiegel am Sonntag. „Der Schaden, den sie anrichten können, ist riesig, wie sich in diesen Tagen zeigt.“ Eine schärfere Kontrolle sei eine überfällige Forderung des EU-Parlaments. „Die generelle Freistellung der Agenturen und Fonds von jeder Regulierung birgt enorme Risiken. Man darf nicht nur handeln, wenn es kracht“, sagte CSU- Mann Radwan.

Rückendeckung bekommen die Politiker aus der Wissenschaft: „Der Ansatz der Bundesregierung ist richtig, sich für mehr Transparenz auf den globalen Finanzmärkten einzusetzen. Aber sie wäre jetzt gut beraten, einen zweiten Anlauf zu unternehmen“, sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger dieser Zeitung. Die Welt habe sich seit dem G-8-Gipfel geändert. „Das nächste Treffen ist der richtige Platz, um einen zweiten, breiter angelegten Vorstoß zu wagen, der sich nicht nur auf die Hedgefonds, sondern auf die Finanzmarktstabilität insgesamt bezieht.“

Internationaler muss nach Meinung der Experten auch die Aufsicht der Banken werden. Ihnen kommt in der Hypothekenkrise eine Schlüsselrolle zu, weil sie in den USA Kredite in Milliardenhöhe an Hausbesitzer mit geringer Bonität vergeben haben. In verbriefter Form wurden die Kredite an Hedgefonds weitergereicht. Auch ausländische Banken investierten in die forderungsbesicherten Anleihen – unter anderem die deutsche Mittelstandsbank IKB, die dabei in eine Schieflage geriet und von der staatlichen KfW gestützt werden musste.

Dass das riskante IKB-Engagement erst spät entdeckt wurde, ist für Experten ein Alarmsignal. „Die deutsche Bankenaufsicht funktioniert nicht richtig“, sagte der Finanzwissenschaftler Rolf Peffekoven. „Wir brauchen eine funktionsfähige und transparente Bankenaufsicht, bei der die Zuständigkeiten zwischen Bafin und Bundesbank klar geregelt sind.“ Wenn sich die Wogen am Finanzmarkt geglättet hätten, „brauchen wir eine Diskussion darüber, ob sich der Bund über die KfW an privaten Banken noch beteiligen sollte“, sagte Peffekoven, der im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums sitzt. „ Ich meine, er sollte nicht.“

Um die Gefahren riskanter Kredite besser einschätzen zu können, schlägt der Wirtschaftsweise Bofinger ein internationales Kreditregister vor, an das Kredite in einer bestimmten Höhe gemeldet werden müssen. „Im Zeitalter der Datenverarbeitung ist das möglich, ohne zu viel Bürokratie zu riskieren“, sagte er. Bofinger plädiert zugleich für eine Art Finanz-TÜV, der prüft, welche Finanzvehikel für Bankgeschäfte zugelassen werden. „Man muss sich fragen, ob die Akteure einschließlich der Aufsicht noch verstehen, womit heute gehandelt wird und wer die Risiken trägt“, warnte Bofinger.

Der Finanzausschuss des Bundestages wird sich Mitte September ebenfalls mit dem Kreditmarkt beschäftigen. Nach den Worten von Otto Bernhardt steht das Thema auf der Tagesordnung. Dabei gehe es nicht darum, die Verkäufe von Krediten zurückzufahren, sondern um mehr „Transparenz für die Kunden“. Denkbar sei, dass Banken, die etwa Immobilienkredite ihrer Kunden weiterverkaufen wollten, die Kreditnehmer vorher umfangreich über deren Rechte aufklären müssen. Man wolle auch darüber sprechen, ob dem Kunden bei einem Forderungsverkauf ein „Sonderkündigungsrecht ohne Zahlung einer Vorfälligkeitsentschädigung“ eingeräumt werden soll.

Hinter dem Bemühen der Berliner Finanzpolitiker steht die Sorge, dass die ferne Krise des US-Häusermarkts auch deutsche Kreditnehmer erreicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar