Finanzskandal : Göttinger Gruppe steht vor dem Aus

Gegen die wichtigste Tochter des Finanzkonzerns Göttinger Gruppe wurde ein Insolvenzverfahren eingeleitet. Anleger sollen eine Milliarde Euro investiert haben.

Stefan Kaiser

Berlin/Göttingen - Im Skandal um die umstrittene Finanzgesellschaft Göttinger Gruppe hat das Amtsgericht Göttingen ein Insolvenzverfahren gegen die Hauptgesellschaft des Konzerns, die Securenta AG, eingeleitet. Anlass sei der Antrag eines Anlegers auf Feststellung der Zahlungsunfähigkeit, sagte Gerichtssprecher Dietmar Brosche am Freitag. Der Anleger habe 2006 in einem Vergleich 17 000 Euro erstritten, das Geld bisher aber nicht erhalten.

Das Amtsgericht habe den Hamburger Notar Peter Knöpfel als vorläufigen Verwalter eingesetzt, sagte Brosche. Die Securenta AG könne derzeit keine rechtsgültigen Verfügungen mehr ohne Zustimmung des Verwalters vornehmen. Ob das Insolvenzverfahren eröffnet wird, hänge nun maßgeblich vom Ergebnis der Überprüfung der Unternehmensfinanzen durch den Verwalter ab. Die Securenta könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt des Verfahrens die Insolvenz allerdings zumindest theoretisch noch durch die Zahlung abwenden, sagte der Gerichtssprecher.

Experten halten dies für unwahrscheinlich. „Das ist wohl eher eine theoretische Möglichkeit“, sagte der Bremer Anwalt Jan Henning Ahrens, dessen Kanzlei KTAG nach eigenen Aussagen mehrere hundert Geschädigte vertritt.

Das Amtsgericht Göttingen hatte in der Vergangenheit bereits eine Vielzahl von sogenannten Vollstreckungshaftbefehlen verhängt, weil die Göttinger Gruppe klagenden Anlegern ihr Geld nicht zurückgezahlt hat. Anfang dieser Woche war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Betrugs und des Anlagenbetrugs gegen Verantwortliche des Finanzkonzerns eingeleitet hat. Seit 2004 laufen zudem Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung.

Die Göttinger Gruppe hatte in den 90er Jahren im großen Stil sogenannte atypische stille Beteiligungen als Altersvorsorge angeboten. Die Produkte wurden im Laufe der Jahre weiterentwickelt und firmierten unter verschiedenen Bezeichnungen wie Pensions-Sparplan oder Securente. Sie basierten jedoch immer noch auf dem Prinzip einer Beteiligung der Anleger am Unternehmen.

Die Göttinger Gruppe soll so nach Angaben von Verbraucherschützern bei mehr als 100 000 Sparern insgesamt über eine Milliarde Euro eingesammelt haben. Der Konzern fungierte unter anderem als Sponsor der Fußballvereine VfB Stuttgart und Tennis Borussia Berlin. Die Vorstandsmitglieder ließen sich mit hochrangigen Politikern fotografieren, ein „Tagesschau“-Sprecher trat in einem Werbevideo auf.

Den Anlegern brachte ihr Engagement allerdings häufig nur Verluste. Seit Jahren häufen sich Klagen von Anlegern, die sich falsch und unzureichend beraten fühlen und ihr Geld zurückfordern. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Anlegerschutz (Dias) sollen insgesamt noch bis zu 5000 Verfahren anhängig sein. „Das ist der größte politisch mitverantwortete Finanzskandal der Nachkriegsgeschichte“, sagt Dias-Vorstand Volker Pietsch. Viele Politiker hätten indirekt für die Göttinger Gruppe geworben, obwohl diese schon damals auf Warnlisten der Verbraucherzentralen stand.mit dpa