Wirtschaft : Finanzvorstand aus Passion

MARTINA OHM

Klaus Pohle hat Schering entscheidend geprägt / Seit 17 Jahren leitet er das FinanzressortVON MARTINA OHM

Wer einen Beweis für Kontinuität und Qualität in deutschen Konzernzentralen sucht, findet ihn in Berlin.So lange wie Klaus Pohle hat sich kaum ein Zweiter als Finanzchef in einem Weltkonzern überzeugend behaupten können.Nicht von ungefähr ist der 1937 in Potsdam geborene Manager, der heute 60 Jahre wird, gleich mehrfach in seinem Job ausgezeichnet worden.An die große Glocke freilich hat er dies - bezeichnenderweise - nie gehängt.Seit 17 Jahren arbeitet Pohle, der seinen Master of Law an der Harvard University und seinen Doktor 1966 in Frankfurt (Main) absolvierte, als Vorstandsmitglied der Schering AG an der Spree; der einzige übrigens im Berliner Vorstand, der "von draußen" kam.Zwischen 1966 und 1980 war er für den Chemieriesen BASF tätig - in Spanien, Brasilien und zuletzt als Leiter des Bereichs Finanzen in der Ludwigshafener Zentrale.1971 wechselte er an die Spree, wo er als stellvertretendes Vorstandsmitglied begann, 1982 zum ordentlichen Vorstand bestellt wurde und 1989 zum Vize an die Konzernspitze aufrückte. Seine Mitarbeiter und Studenten - an der TU hält Pohle als Gastprofessor im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften regelmäßig Vorlesungen - kennen ihn als umgänglichen, verbindlichen und disziplinierten Lehrer.Zwei- bis dreimal die Woche doziert er an der TU zwei bis drei Stunden - zum Nulltarif.Für Pohle eine Selbstverständlichkeit.Er weiß: für ihn gibt es keinen Nachfolger, der Lehrstuhl ist nicht besetzt.Ob an der Uni, in der Berliner Unternehmenszentrale oder unterwegs - er ist immer 150 Prozent bei der Sache.Sein Beruf ist seine Passion.Die flinken Augen, die stete Unruhe verraten: der Mann ist unermüdlich im Einsatz.Als Cosmopolit - Pohle berrscht Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch - reist er durch die Welt und bringt die unangenehmen Road-Shows, die beinahe inquisitorischen Kreuzverhöre der Analysten, mit erstaunlicher Geduld und bemerkenswerter Gelassenheit hinter sich. Dabei kommt er sich, wie er offen zugibt, oft vor wie ein Junge, der noch die Schulbank drückt.Die 24 Analysten, die Schering beinahe noch besser kennen als er, sind ihm zwar bestens vertraut - er kennt alle einzeln mit Vornamen - der Druck aber ist enorm, gesteht er.Die Schering-Familie kennt kein Pardon.Daß der Konzern heute immer noch als Perle gehandelt wird, seine Unabhängigkeit gleichwohl bewahren konnte, nicht etwa unter das Dach von BASF oder LaRoche schlüpfen mußte, ist im wesentlichen wohl auch Pohle zu verdanken.Zur Fachkompetenz gehört eben auch Einfühlungsvermögen und eine Portion Psychologie.Mit erwarteten 6 Mrd.DM Umsatz und 20 000 Mitarbeitern weltweit rangiert Schering jedenfalls im Größenvergleich der Pharmariesen eher im Mittelfeld - ist aber dennoch im Dax vertreten. So richtig mulmig war es dem Finanzvorstand in all den Jahren bisher nur zweimal - Mitte der 80er Jahre und vor zwei Jahren, als zum einen im Pharmageschäft ein erheblicher Einbruch zu verzeichnen war und zum zweiten als das Rötenkontrastmittel Isovist-280 vorsichtshalber vom Markt genommen werden mußte, das Jubiläumsjahr 1996 folglich unter ungünstigen Stern stand.Natürlich werden ihn auch die ständigen Diskussionen über ein womöglich erhöhtes Thrombose-Risiko durch die Pille der dritten Generation und die öffentlichen Kontroversen um den Einsatz der Biotechnologie beschäftigen.Die glücklicheren Momente aber überwiegen. Vieles im Hause Schering trägt seine Handschrift: Der Abschied von Industriechemikalien und Galvanotechnik, die Ausgliederung des Pflanzenschutz und die Konzentration auf die drei strategische Geschäftsfelder Therapeutika, Diagnostika und Empfängnisverhütung.Und die Übernahmeverträge von Jenapharm, der finnischen Leiras, die beinahe schon in den Händen der Konkurrenz gelandet war, sowie die Gründungsurkunde des Gemeinschaftsunternehmens mit der Frankfurter Hoechst AG, Agrevo, tragen seine Unterschrift.Aus gutem Grund wirkt Pohle bei dem führenden Pflanzenschutzhersteller auch als Aufsichtsratsvorsitzender.Ein Jahr ist es gerade mal her, da der Finanzchef die wegweisenden Akquisitionen innerhalb von 24-Stunden unter Dach und Fach brachte: tagsüber Jenapharm und nachts, erzählt er, Leiras.Dabei wird es nicht bleiben: "für dieses und jenes" haben die Berliner noch etwas in der Portokasse.Und es ist sicher: auch das wird Klaus Pohle managen.So schnell, verrät er, wird er nicht als Prokurist in der Software-Schmiede seines Sohnes im sonnigen Californien anheuern.

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