Wirtschaft : Firmen kündigen den Flächentarif auf

fw

Ein hoher Tarifabschluss könnte den Flächentarifvertrag weiter unter Druck bringen. Schon jetzt flüchten einige Unternehmen aus der Tarifgebundenheit in Verbände ohne Tarif (OT-Verbände). Dort können sie zwar die Dienstleistungen eines großen Verbandes nutzen, sind aber nicht verpflichtet, sich nach dem Flächentarif zu richten. In Bayern sind bereits 35 Unternehmen übergewechselt, weil sie einen zu hohen Abschluss fürchten. In Sachsen flohen zehn, in Berlin-Brandenburg zwei. Das sind zwar nur eine Hand voll. Im Falle eines hohen Abschlusses befürchten die Verbände jedoch, dass es eine ganze Austrittswelle geben könnte. "Dann werden noch mehr Unternehmen beim Flächentarif austreten", sagt Arnulf Jagenlauf, Hauptgeschäftsführer bei Südwest-Metall in Stuttgart.

Die Erosion des Flächentarifvertrages nimmt schon länger ihren Lauf. Der Tarifabschluss 1995 war ein Schlüsseltermin: Der Abschluss war für die Arbeitgeber so inakzeptabel, dass es eine Massenflucht gab. Daraufhin gründeten viele Regionalverbände der Metall- und Elektroindustrie die OT-Verbände, um den Unternehmen ein Auffangbecken zu bieten. "Wir wollen schließlich nicht die politische Unterstützung der Unternehmen verlieren", sagt Jagenlauf.

Nach einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) galten im Jahr 2000 in den alten Bundesländern noch für knapp 63 Prozent der Beschäftigten Flächentarifverträge - fünf Jahre zuvor waren es noch mehr als 72 Prozent. Vor allem in der Metall- und Elektrobranche habe sich diese Zahl verringert, sagt Claus Schnabel, Co-Autor der Studie und VWL-Professor an der Uni Erlangen. Hier sank sie zwischen 1995 und 1999 von 81 auf 74 Prozent. In Ostdeutschland galt im Jahr 2000 nur für 45,5 Prozent der Arbeitnehmer der Flächentarif. In der Metallindustrie in Sachsen sind es sogar nur 30 Prozent.

Allerdings bringt der Austritt aus der Tarifgebundenheit den Unternehmen auch Nachteile - und darauf zählen die Gewerkschaften. "Wer austritt, dem droht Unruhe in der Firma", heißt es bei der IG Metall. Denn der kollektive Flächentarif schützt die Firmen davor, dass der Konflikt in den Betrieb getragen wird. Und: Er bestimmt den Markt - so genannte "Haustarife", die von Gewerkschaft und Arbeitgeber einzeln ausgehandelt werden, liegen meist ähnlich hoch - oder sogar höher. Mit jedem einzelnen Beschäftigten zu handeln, ist für den Arbeitgeber ein oft nicht tragbarer Aufwand. Bis es ein neues Abkommen gibt, gilt der Tarifvertrag ohnehin zunächst weiter.

Experten fordern deswegen nicht die völlige Abschaffung des Flächentarifvertrages, sondern mehr Flexibilität. "Ich plädiere dafür, dass es in jedem Flächentarifvertrag eine wirksame Öffnungsklausel gibt", fordert Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Wenn Unternehmer, Betriebsrat und die Mehrheit der Beschäftigten einverstanden seien, könnten so zum Beispiel Gewinnbeteiligunsgmodelle eingeführt werden, sagte Franz. Bleibe es beim Status quo, werde die Flucht aus der Tarifbindung weiter voranschreiten, sagte Franz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar