Wirtschaft : Firmen trauen sich wieder an die Börse

In diesem Jahr so viele Börsengänge wie zuletzt 2000 , doch die Anleger sind vorsichtig geworden

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - An der Börse laufen die Geschäfte wieder. Nicht nur die Kurse steigen, auch die Zahl der Unternehmen wächst, die den Gang auf das Parkett wagen. Derzeit melden jede Woche zwei bis drei ihren so genannten IPO (Initial Public Offering) an – meist kleinere Firmen, zuletzt aber mit der Immobiliengruppe Gagfah auch ein Großunternehmen, das bis zu 850 Millionen Euro einsammeln könnte. Nach Wacker Chemie mit einem Erlös von 1,2 Milliarden Euro wäre es der zweitgrößte Börsengang in diesem Jahr und der größte eines Immobilienunternehmens überhaupt.

Insgesamt wurden im ersten Halbjahr rund 3,3 Milliarden Euro durch die IPOs erlöst. Freilich: Privatanleger locken die wenigsten Firmen auf das Parkett. „Die schlechten Erfahrungen mit der geplatzten Internetblase stecken noch in vielen Hinterköpfen“, vermutet Dirk Notheis, Vorstandsmitglied von Morgan Stanley in Frankfurt. Ohnehin aber könne sich ein Börsengang nicht allein auf Privatanleger stützen.

Das Interesse ist nicht bei allen Börsengängen so stark, dass das Angebot überzeichnet wäre. Air Berlin zum Beispiel musste seinen Börsengang im Mai verschieben und den Preis senken, ähnlich geht es in diesen Tagen Anbietern von erneuerbaren Energien: Die Südzucker- Tochter Crop-Energies musste ihre Aktien billiger abgeben als geplant. Auch der Biosprit-Hersteller Verbio platziert seine Aktien kommenden Montag für nur 14,50 Euro. Das ist zwar genau in der Mitte der zuletzt reduzierten Preisspanne. Ursprünglich wollte Verbio aber mindestens 17 Euro je Aktie. Die Berliner Synchron konnte am Freitag wiederum nur ein Drittel der angebotenen Aktien verkaufen – und das nur am unteren Ende der Angebotsspanne von sechs bis 8,50 Euro.

Die Berliner Quirin Bank konnte gerade mal einen ersten Preis von knapp drei Euro erzielen. Und auch der Software-Hersteller LHS wird bei seinem für kommende Woche geplanten Börsengang weniger Geld einnehmen als angestrebt.

Abgesagt werden IPOs derzeit gleichwohl nicht. Im Frühsommer noch war das anders, nachdem die Stimmung an der Börse gekippt war. Seit die Kurse wieder steigen, ist auch der Drang aufs Parkett stärker geworden: Es ist immer noch reichlich Kapital vorhanden, das nach günstigen Anlagemöglichkeiten sucht, schließlich sind die Zinsen niedrig, festverzinsliche Papiere werfen deshalb nur wenig ab. „Es gibt kaum alternative Investments“, sagt Jörg-Alexander Seidel, bei Dresdner Kleinwort für Börsengänge zuständig. Zum anderen ist die Stimmung an der Börse gut: Zwar wird die Konjunktur im nächsten Jahr nicht so rund laufen wie 2006, aber sie kommt weiter gut voran, sagen Volkswirte,.

Fest steht jetzt schon: 2006 wird es mindestens so viele Börsengänge geben wie zuletzt im Jahr 2000. 26 neue Firmen waren damals an die Börse gekommen. Danach wurde es, bedingt durch den Kursverfall am Aktienmarkt, extrem ruhig. 2003 hatte es keinen einzigen IPO gegeben, 2004 gerade mal fünf und im vergangenen Jahr immerhin 23. Dafür gab es in diesem Jahr schon über 40 Unternehmen, die ihre Aktien an der Börse listen. 15 bis 20 Emissionen könnte es noch geben, heißt es in Bankenkreisen. Und 2007 soll es weiter aufwärtsgehen. Vor allem Immobilienanbieter und Biotreibstofffirmen drängen auf das Parkett, aber auch der Nähmaschinenanbieter Pfaff.

Besonders für Privatanleger heißt es allerdings: genau hinschauen. Denn immer öfter verweigern Börsenkandidaten die Veröffentlichung von Studien und Prognosen. Unlängst ging mit CFI Fairpay ein Unternehmen an die Börse, das mit Lebensversicherungen handelt. Umsatz im ersten Halbjahr: gerade mal acht Millionen Euro. Prognosen und Zahlen gab es kaum, klagt Dieter Hein von Fairesearch. Für Privatanleger kann das nur heißen: Finger weg. „Der Börsenkandidat sollte mindestens 50 Millionen Euro Umsatz pro Jahr machen, seit zwei Jahren Gewinne ausweisen und 50 Mitarbeiter beschäftigen“, heißt es bei der ING-Diba.

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