Wirtschaft : Fische kamen tot an, Blumen waren verwelkt

PETER SEIDLITZ (HB)

HONGKONG .Die Empörung der Hongkonger Abgeordneten war erheblich: "Uns wurde ein Weltklasse-Flughafen versprochen, der neue Touristen nach Hongkong bringen sollte.Statt dessen haben wir das Gegenteil erreicht, sind zum Gespött in der ganzen Welt geworden," sagt die Oppositionsabgeordnete Emily Lau im Hongkonger Parlament.Ihr Kollege Cheung Man-Kwong von der Demokratischen Partei pflichtete ihr bei: "Nacheinander gab es kein Wasser, keinen Strom, fielen die Computer und Anzeigetafeln aus.Mal funktionierten die Klimaanlagen und dann die Telefone nicht.Dann wieder klappte es mit den Passagierbrücken nicht, und die Flugzeuge konnten nicht andocken.Gelegentlich fiel sogar das Licht aus." Hongkong hat eine Schreckenswoche nach der glanzvoll gefeierten Flughafeneinweihung hinter sich.Chek Lap Kok, die 20-Mrd.-US-Dollar-Anlage mit einer kühnen Glaskathedrale als Terminal, gebaut vom Star-Architekten Norman Foster - sollte das neue Glanzstück Hongkongs sein.Nach Computerproblemen im Frachtterminal "kamen Fische tot an, Blumen waren verwelkt und das einzige was überlebte, war die Haltung der Zuständigen, die keine Verantwortung für den Skandal übernehmen wollten," schimpfte Cheung.

Vergangenen Freitag konnte zum ersten Mal der tägliche Lufthansa-Flug nach Frankfurt (Main) mit zwei Gates am Flughafen pünktlich andocken - die Tage davor waren ein einziges Desaster für Passagiere und Fracht mit Verspätungen, Abflügen ohne Gepäck und Schwierigkeiten beim Andoêken und Frachtladen.Derart groß ist das Problem im Frachtbereich, daß die Frachtagentur Hongkong Air Cargo Terminal (HACTL) wieder zum alten Flugplatz umsiedelte und für die nächsten acht Tage überhaupt keine Fracht mehr annimmt.Auf dem Tsimhatsui-Markt, einem der wichtigsten Märkte Hongkongs, blieben am Freitag fast alle Stände geschlossen.Nach Schätzungen der Zeitung "Standard" wird das Desaster Hongkong mehr als fünf Mrd.DM kosten.

Das Problem dürfte noch einige Wochen dauern.Die Frachtabfertigungshalle wurde durch Computer-Softwarefehler lahmgelegt: "Die Computerbefehle zum Suchen und Laden von Fracht wurden vom System nicht angenommen," sagt Lufthansa-Frachtmanager Frank Bergweger, der nun auch ein Embargo für Frischwaren und wertvolle Sendungen wie Diamanten zum Transport nach Hongkong ausgesprochen hat: "In dem Durcheinander können wir keine Garantien für Gemüsetransporte oder Frachtwertsachen geben." Die Zeitungen in Hongkong sprechen von einem Computervirus im System, der dazu führte, daß manche Maschinen am Wochenanfang ohne Gepäck abhoben und Passagiere oft stundenlang auf ihre Koffer warten mußten.Tatsächlich ist das Problem mehr menschlicher Natur: Die Verantwortlichen können nicht mit dem System umgehen und haben durch Bedienungsfehler bei der Programmierung der Software und Befehlseingabe das Chaos noch vergrößert."Leider können die Frachtkisten nicht denken, Passagieren kann man hingegen leicht sagen, die Treppe zu benutzen, wenn das Andocken der automatischen Flugsteige nicht funktioniert", sagt der Lufthansa-Frachtmanager Bergweger.

Das Chaos im Flughafen wurde noch durch schlechte Auszeichnungen, nicht funktionierende Telefone und vor allem stinkende und verstopfte Toiletten erhöht.Der Grund: Busladungen von chinesischen Touristen fielen in dieser Woche auf dem neuen Flughafen ein, besetzten alle Restauranttische und kümmerten sich nicht um Hygienemaßstände in den Toiletten.Passagiere der Business-Class von Cathay Pacific mußten verärgert feststellen, daß die Lounge noch nicht fertig war.

Das Frachtproblem wird noch Wochen andauern.Ein Grund für das Durcheinander ist die von Fluggesellschaften gewünschte Liberalisierung von Fracht-, und Rampenservice: Bisher hatte HACTL das Monopol und verlangte entsprechend gesalzene Preise.Jetzt buhlen Dutzende von Firmen um das Geschäft mit den Fluggesellschaften: Doch die Vielzahl der Firmen mit oft unerfahrenem Personal hat zu einem heillosem Durcheinander geführt."Schämen Sie sich nicht?" wurde Flughafenchef Hank Townsend von chinesischen Parlamentariern gefragt.Der Manager aus den USA war den Chinesen ohnehin ein Dorn im Auge: "Warum," fragten Parlamentarier, "mußte man einen teuren Ausländern für den Job anheuern, hätten Chinesen es nicht selber machen können?" Schon werden die Köpfe der politisch Verantwortlichen gefordert.Aber Vertreter ausländischer Gesellschaften wie Lufthansa-Mann Bergweger beruhigen: "Das wird sich in einigen Wochen einspielen."

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