Wirtschaft : Flattersatz

Ulrike Baureithel

Anke Stellings Figuren sind wie der Flattersatz der Erzählungen, in dem ihre Schicksale aufbewahrt sind: Sie stehen nicht scharf ausgerichtet in der Welt, ihnen mangelt es an der selbstbewussten Behauptung ihrer Ecken und Kanten, vielmehr „fügen“ sie sich „wohl“ in die vorgefundenen Räume, und ob sie sich darin wohlfühlen, kümmert keinen. Die Jüngeren heißen Sonja, Sandra, Silke und Svenja, die Älteren auch schon mal Renate, doch gemeinsam ist allen, dass die Räume, in die sie sich fügen sollen, in aller Regel kalt sind (Berliner Ofenheizung oder elsässischer Kamin oder der Schwamm in den Wänden des Vororthäuschens) und sie schauen müssen, wie ihnen warm wird. Manchmal kommt dann zufällig einer vorbei, ein Freund der Freundin zum Beispiel, der auf Durchreise ist und sich zwischendurch mal in die Weihnachtskrippe legt. Manchmal ist auch schon einer da, der sich ekelt oder langweilt und einfach nur weg will, und, selten, sind sie richtig allein, die Mädchen, weil ihnen Werner, Thomas oder wer auch immer schon weggelaufen ist. Dann reden sie mit dem Wetter, das so unbeständig ist wie die Liebe, oder mit sich selbst: Durchhalteparolen.

Im Gegensatz zu Bernd und Miri, denen Anke Stelling und Robby Dannenberg vor zwei Jahren im ersten, gemeinsam verfassten Roman „Nimm mich mit“ ein unverwechselbares Schicksal auf den Leib geschrieben hatten, bleiben die Mädchen mit dem scharfen oder weichen S im Namen seltsam konturlos, selbst dann, wenn sie in der ersten Person auftreten. Mit den ersten Anzeichen von Orangenhaut und einem irreparablen Fehler auf der mentalen Festplatte driften sie durch den Alltag und „haben Schwierigkeiten, die Dinge zu Ende zu bringen“. Man wünschte, die aus dem barocken Schwaben ins kühle Berlin ausgewanderte Autorin nähme eine Sonja oder Svenja an die Hand und gönnte ihr ein weniger „geiziges Schicksal“.

Anke Stelling: Glückliche Fügung. Erzählungen. Collection S. Fischer, Frankfurt am Main, 184 Seiten, 10 €.

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