Wirtschaft : Flaute im Finanzvertrieb

AWD überrascht mit Umsatzrückgang/Deutsche Vermögensberatung DVAG hofft auf Riester-Produkte

Henrik Mortsiefer

Berlin - Der Finanzmakler AWD leidet unter der schwachen Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten und schließt einen Umsatzrückgang im laufenden Jahr nicht aus. Die Folgen der Rentenreform und die Unsicherheit der Bundesbürger vor der Wahl erschwerten das Geschäft, teilte AWD am Donnerstag mit. Auch der Marktführer DVAG hat Schwierigkeiten an das Rekordjahr 2004 anzuknüpfen, wie Vorstandsmitglied Friedrich Bohl dem Tagesspiegel sagte.

Die AWD-Aktie sank bis zum Handelsschluss um 4,2 Prozent auf 34 Euro. Im zweiten Quartal verbuchte AWD überraschend einen Umsatzrückgang von 4,2 Prozent auf 148,9 Millionen Euro. Auch der Gewinnanstieg blieb hinter den Erwartungen zurück. Der Konzernüberschuss stieg um 5,3 Prozent auf zwölf Millionen Euro.

AWD-Vorstandschef Carsten Maschmeyer räumte am Donnerstag ein: „Wir kennen eigentlich keinen Umsatzrückgang.“ Im Branchenvergleich stehe AWD aber gut da und das solle bis Ende 2005 auch so bleiben. Eine Prognose nannte Maschmeyer nicht.

Alle Finanzvertriebe leiden unter dem teilweisen Wegfall des Steuerprivilegs für Lebensversicherungen seit Januar. Ende 2004 hatte diese Änderung zu einem Boom beim Verkauf von Versicherungen geführt. „Nun herrscht immer noch Flaute im Finanzvertrieb“, sagte Konrad Becker, Finanzanalyst bei Merck Finck. Sowohl AWD als auch der Wettbewerber MLP dürften nach seiner Einschätzung Probleme haben, an 2004 anzuschließen. Auch MLP hatte jüngst von einem schwachen Maklergeschäft berichtet, dies aber durch ein gutes Abschneiden der Versicherungstöchter kompensiert.

Der Marktführer, die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), bekommt die Änderungen im Alterseinkünftegesetz ebenfalls zu spüren: „Nach dem Wegfall des Steuerprivilegs ist es naturgemäß schwieriger geworden, Lebensversicherungen zu vermitteln“, sagte DVAG-Vorstandsmitglied Friedrich Bohl dem Tagesspiegel. „Die Versicherungswirtschaft hätte sich beim Lebensversicherungsboom Ende letzten Jahres klüger einlassen sollen“, sagte Bohl. Die DVAG werde am Jahresende sehen, ob sie das rückläufige Geschäft mit Lebensversicherungen mit anderen Abschlüssen ausgleichen könne. „Klar sein dürfte, dass wir das sehr gute Jahr 2004 nicht toppen können“, sagte Bohl. Die DVAG hat bei 3,8 Millionen Kunden einen Lebensversicherungsbestand von mehr als 80 Milliarden Euro.

Hoffnungen setzen die Finanzvertriebe auf die Riester-Rente. AWD-Chef Maschmeyer rechnet im vierten Geschäftsquartal im Neugeschäft mit einer deutlichen Belebung. Auch Friedrich Bohl gibt sich optimistisch: „2005 wird für die DVAG ein Riester-Jahr.“ Das Produkt sei von der Idee richtig, aber in der Ausführung lange zu kompliziert und unattraktiv gewesen. Nun komme der Vertrieb nach Produktverbesserungen in Schwung. Die DVAG sieht sich gut positioniert. „Wir haben 2005 bis einschließlich Juli schon 63000 Riester-Verträge verkauft. Im gesamten Jahr 2004 waren es 68000“, sagte Bohl. „Ende 2005 wollen wir – wie 2004 – im Neugeschäft wieder Marktführer sein.“ Im vergangenen Jahr hatte die DVAG bei Riester-Produkten einen Marktanteil von 21 Prozent. Auch im Nischengeschäft mit Ratenkrediten kann das Unternehmen Erfolge vorweisen. „Unser Ziel für 2005 war, Ratenkredite der Deutschen Bank im Volumen von 100 Millionen Euro zu vermitteln. Das haben wir im ersten Halbjahr schon übertroffen“, sagte Bohl.

Der ehemalige Chef im Kanzleramt von Helmut Kohl kritisierte die unzureichende Aufklärung der Bundesbürger: „Weder die Regierung noch die Opposition ist zurzeit so mutig, beim Thema Rente und Altersvorsorge Tacheles zu reden“, sagte der ehemalige CDU-Politiker. Die Menschen wüssten, dass sie dringend privat für ihr Alter vorsorgen müssten. „Aber das ist oft nur Theorie“, warnte Bohl. „Praktisch geschieht viel zu wenig. Daran ist zu einem großen Teil die Politik schuld.“ Auf die Finanzvertriebe sieht Bohl Arbeit zukommen. Die Altersvorsorge sei komplizierter geworden. Deshalb steige der Bedarf nach Beratung. „Unternehmen, die hier gut sind, werden erfolgreich sein“, glaubt auch Analyst Becker. Die Gefahr, dass die Finanzvermittler schlecht beraten, sei allerdings immer gegeben, gibt er mit Blick auf Verbraucherklagen gegen MLP, AWD und DVAG zu bedenken. Die Unternehmen gingen dies durch intensive Schulungen und Kontrollbögen an, die vom Kunden unterschrieben werden müssen. „Generell gilt, je gebildeter und kompetenter ein Kunde, desto eher wird er sich ein Unternehmen mit einer offeneren Produktpalette suchen“, glaubt Becker.

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