Wirtschaft : Fleisch aus dem Westen - Russland gibt Milliarden von Dollar für Agrarprodukte aus

dr/val

Noch immer gibt so mancher Russe die Hälfte seines Einkommens fürs Essen aus. Nicht aus Verfressenheit. Aber der Yoghurt, den er am liebsten kauft, stammt von Danone, das Sonnenblumenöl aus dem spanischen Süden und das Fleisch von britischen Rindern. Und die sind teuer. Diesen Luxus leistet sich nicht nur der neureiche Russe. Denn Russland, eines der größten Agrarländer der Erde, muss sich noch immer zu einem Großteil mit ausländischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Lebensmitteln versorgen. Vor dem Zusammenbruch des russischen Bankensystems im August 1998 machten die Agrarprodukte allein 25 Prozent aller russischen Importe aus. Für deutsche Landwirte war Russland damals der wichtigste Abnehmer von Agrarprodukten außerhalb der Europäischen Union. Nach der Krise rückte dann Ungarn an die erste Stelle. Das Bundeslandwirtschafsministerium beziffert die gesamten deutschen Agrar-Ausfahren nach Russland für 1998 auf etwa 2,2 Milliarden Mark, dies bedeute einen Rückgang von 28 Prozent. Insgesamt sind die russischen Agrarimporte nach der Krise um rund ein Drittel geschrumpft. Den deutschen Landwirten bereite der russische Abnehmer aber wenig Kopfzerbrechen, hieß es aus dem Landwirtschaftsministerium. Schließlich hätten sich die deutschen Exporte im Vergleich zum Jahre 1996 kaum verändert. Und auch wenn die Ausfuhren zu Anfang dieses Jahres wieder um 68 Prozent zurückgegangen seien, so bleibe Russland ein Markt mit großem Potenzial.

Der Meinung ist auch Peter Wehrheim vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Noch immer könnten weder die russischen Landwirtschaftsbetriebe noch die Lebensmittelfabriken mit ihren westlichen Konkurrenten mithalten. "Der springende Punkt ist das fehlende Know-how", sagt er. Der russische Verbraucher verlange mehr Qualität, als heimische Hersteller sie ihm bieten könnten.

Aus Deutschland sind Milchprodukte am beliebtesten. Im Jahre 1998 verkauften die Molkereibetriebe Milch, Butter und besonders Käse im Wert von rund 850 Milliarden Mark nach Russland. An zweiter Stelle stehen Süß- und Kakaowaren aus Deutschland, zu denen aber auch Produkte wie Margarine zählen. Ein Kuriosum am Rande: Deutscher Wodka war nach Auskunft von Wehrheim in den 90er Jahren der Renner. Bis vor rund drei Jahren exportierte auch der Berliner Wodka-Produzent Schilkin das "Wässerchen" nach Russland. Dann haben ihm die Russen den Export allerdings verboten, um die eigene Industrie zu schützen.

Getreide aus dem Westen, das die russische Regierung noch in den 80er Jahren tonnenweise kaufte, spielt seit den 90er Jahren kaum noch eine Rolle, weil die Kassen leer sind. Hingegen war Fleisch bei den privaten Verbrauchern hoch im Kurs. Im Jahre 1996 zum Beispiel importierte Russland Fleischprodukte im Wert von rund drei Milliarden Dollar. Nach Aussage von Peter Wehrhahn, war der Grund dafür, dass die russischen Fleischproduzenten nicht die Preise des von der EU subventionierten Fleischs unterbieten konnten. Ohnehin handele es sich bei vielen Fleischkombinaten - wie auch sonst - um "marode Betriebe".

Für die russische Agrar- und Lebensmittelindustrie hat die Rubelkrise auch Vorteile. Viele westlichen Investoren wie Nestlé, Danone oder Coca-Cola produzieren nun zusammen mit russischen Partnern vor Ort, um gegen Währungseinbrüche gewappnet zu sein. Damit transportieren sie westliches Know-how ins Riesenreich. Der Yoghurt-Fabrikant Ehrmann will noch in diesem Jahr eine Molkerei in der Nähe von Moskau fertigstellen. Vor Ort aber gibt er sich russisch: Er produziert in erster Linie Sauermilch und Smetana, eine Art Creme fraiche.

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