Fleischproduktion : Billiger schlachten

Die Fleischproduktion erreicht neue Rekorde – auch wegen niedriger Löhne in der Branche. Auf vielen Schlachthöfen sind nur noch 20 Prozent der Beschäftigten regulär angestellt.

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Armes Schwein. Aber reich werden die Schlachter dabei auch nicht. Gewerkschafter sprechen schon von Lohndumping.
Armes Schwein. Aber reich werden die Schlachter dabei auch nicht. Gewerkschafter sprechen schon von Lohndumping.Foto: ddp

Berlin - Eigentlich müsste sich die Branche über den Rekord freuen: 14,6 Millionen Schweine wurden zwischen Juli und September in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes geschlachtet – mehr als je zuvor in einem Quartal. Im gesamten Jahr sollen es 58 Millionen sein. Auch die Anzahl der Schweine, die aus dem Ausland nach Deutschland gekarrt werden, um hier geschlachtet zu werden, hat zugenommen. Allein 1,3 Millionen waren es im vergangenen Quartal, rund 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die meisten Tiere werden aus den Niederlanden oder Dänemark an die deutschen Schlachter verkauft.

Die Mitarbeiter in der Branche profitieren jedoch kaum von den Rekorden. Die Schlachtung in Deutschland lohnt sich für ausländische Bauern, weil in der Branche mit Billiglöhnen gearbeitet wird und weil zunehmend Arbeiter mit Werkverträgen aus Osteuropa ins Land geholt werden. So können die deutschen Schlachter höhere Preise pro Kilo Fleisch an die Bauern zahlen, als diese in ihrem eigenen Land bekommen würden. Die europäische Dienstleistungsrichtlinie erlaubt es, dass deutsche Schlachthöfe Werkverträge mit Betrieben in anderen Ländern schließen. Ein polnischer Betrieb kann über diesen Weg Mitarbeiter nach Deutschland schicken, die dann für fünf bis zehn Euro pro Stunde schlachten – das ist weitaus günstiger als der deutsche Tariflohn von 15 Euro pro Stunde. Denn die Werkvertragsarbeitnehmer unterliegen nicht dem deutschen Arbeitsrecht, sondern den Gesetzen ihres Heimatlandes. „Die Löhne, die die vielen Werkvertragsarbeitnehmer aus Osteuropa bekommen, sind nicht vergleichbar mit denen in Belgien, Frankreich oder Dänemark“, sagt Branchenexperte Bernd Maiweg von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Das setze europäische Nachbarländer unter Druck und bedrohe die Arbeitsplätze dort.

In Deutschland dominieren nach Gewerkschaftsangaben vier große Schlachter die Branche: das niederländische Unternehmen Vion, Tönnies, Westfleisch und D+S. D+S wurde kürzlich von dem dänischen Konzern Danish Crown aufgekauft. Der Verband der Fleischwirtschaft spricht von insgesamt mehr als 150 Schlachtbetrieben in Deutschland. In Berlin gibt es keine Schlachtbetriebe, in Brandenburg sind es acht. Die zwei großen in Perleberg und Kasel-Golzig gehören Vion. Allein in Perleberg werden pro Jahr eine Million Schweine geschlachtet. Für die Betriebe ist die Entwicklung der vergangenen Jahre erfreulich. Die Zahl der in deutschen Schlachthäusern getöteten Schweine ist kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2000 waren es gut 43 Millionen, 2009 schon mehr als 56 Millionen.

Doch auf vielen Schlachthöfen seien nur 20 Prozent der Beschäftigten noch regulär angestellt, berichtet die NGG. So gebe es bei D+S zwar 1200 Mitarbeiter, aber nur 90 seien direkt beim Betreiber angestellt, sagt Maiweg. Wie viele Arbeitnehmer mit Werkvertrag in deutschen Schlachthöfen arbeiten, ist nicht bekannt, sie werden in keiner Statistik hierzulande erfasst. Auch Vion will sich nicht dazu äußern, wie viele solcher Mitarbeiter das Unternehmen beschäftigt, oder welche Löhne bezahlt werden.

Die Gewerkschaft NGG setzt sich für einen verbindlichen Mindestlohn in der Branche ein, weil die Werkverträge das Lohnniveau drücken. „Wir fordern einen Mindestlohn, damit wir das Lohndumping verhindern können“, sagt Maiweg. In Frankreich, wo es einen generellen Mindestlohn gebe, müssten auch Arbeitnehmer mit Werkverträgen danach bezahlt werden. „Vion steht einem Mindestlohn grundsätzlich positiv gegenüber; es muss jedoch von staatlicher Seite gewährleistet werden, dass alle Marktteilnehmer sich daran halten“, lässt auch das niederländische Unternehmen wissen.

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