Wirtschaft : Fleischspieße unter Verdacht

Die Dönerbranche sorgt sich nach den Gammelfleischfunden um ihren Ruf – und fordert Mindestpreise, um das Geschäft zu retten

Ina Brzoska

Berlin - Ein süßlich-strenger Geruch liegt in der Luft. Im Keller der Dönerfabrik schichten Arbeiter am Fließband Fleischlappen und Hackklopse auf Spieße. Im obersten Stock des Gebäudes im Arbeiterbezirk Wedding residiert Berlins Dönerkönig Remzi Kaplan. Betont entspannt fläzt sich der Chef im Sessel seines Büros. Im Minutentakt beantwortet er Anrufe auf zwei Apparaten.

Kaplan ist Vorstandsmitglied des Branchenverbands der deutschen Dönerproduzenten. Seit dem Fund der vergammelten Dönerspieße bei einem Münchner Fleischgroßhändler steht die Branche unter Generalverdacht. Kaplan wehrt sich. „Das ist kein Döner-Skandal, sondern ein Fleisch-Skandal“, sagt er. Aus Gammelfleisch seien schließlich auch Würste, Schinken und andere Produkte hergestellt worden. „Wenn jemand das Fleisch in Bayern vier Jahre im Kühlhaus gelagert hat, können wir nichts machen.“

Trotzdem sorgt sich der Dönerproduzent ums Geschäft. Rund 1500 Imbissläden gibt es in Berlin und Brandenburg. Etwa zehn Prozent davon zählen zu seinen Kunden.

Kaplan gibt allerdings auch zu, einige „schwarze Schafe“ zu kennen. Namen will er jedoch nicht nennen. Die Schuld am kriminellen Handel mit Fleisch gibt der Unternehmer dem Preisdumping. Neulinge in der Dönerbranche gingen einige Monate „in die Lehre“ und versuchten dann, sich selbstständig zu machen. „Sie haben keine Ahnung von Kalkulation, ruinieren sich und andere Händler“, ärgert sich Kaplan. „Wenn sie Döner für einen Euro verkaufen, müssen sie irgendwo sparen, und das geht auf Kosten der Qualität.“

Sir Atesever, der Vorsitzende des Vereins türkischer Dönerhersteller in Europa, bestätigte diese Einschätzung. „Das ist unsere größte Sorge.“ Er forderte sogar einen Mindestpreis von drei Euro pro Döner. „Das spiegelt das angemessene Preis-Leistungsverhältnis wider.“ Entsprechende Überlegungen gibt es offenbar auch in der Regierung. Medienberichten zufolge bereitet das Bundeswirtschaftsministerium gerade ein Gesetz vor, das den Verkauf von Lebensmitteln unter Einstandspreis untersagt.

Günter Bachmann vom Rat für Nachhaltige Entwicklung hält den Ansatz für zu schlicht. Man könne nicht ewig den Verbrauchern die Schuld in die Schuhe schieben, mahnt er. „Ich glaube schon, dass wir bei den kleinen Imbissbuden so etwas wie eine Fleischmafia haben.“

Leidtragende sind alle Händler. „Alle vier Monate ein Skandal, das lässt die Kunden misstrauisch werden“, sagt Özhan Mehmet, ein Hersteller von Hähnchendönern. Seit der Vogelgrippe ist sein Umsatz um 40 Prozent zurückgegangen. Auch die aktuelle Diskussion um vergammeltes Fleisch werde dem Geschäft schaden, befürchtet Mehmet.

In den vergangenen Jahren lief es gut für die Dönerhersteller und -händler, sagt Verbandschef Atesever. Rund 9000 Arbeitsplätze schaffe die Branche in der Region, schätzt er. Denn am Geschäft mit dem Fleischsnack hängen auch Viehzüchter, Fleischproduzenten, Speditionen, Bäckereien und Gemüsehändler. Der Döner zählt zu den beliebtesten Schnellgerichten der Deutschen. Im ersten Halbjahr 2006 hatte er einen Anteil von 12,4 Prozent an den in der kommerziellen Gastronomie verkauften Fleischsnacks, heißt es bei der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle. 360 000 Portionen Döner – umgerechnet 60 Tonnen Fleisch – sollen Verkäufer in Berlin und Brandenburg täglich umsetzen.

Mit mehr Transparenz wollen die Hersteller jetzt den Ruf der Branche retten. Bereitwillig führen die Arbeiter von Kaplans Dönerfabrik durch die Produktionsstätten. In minus sechzig Grad kalten Kühlzellen lagern die kegelförmigen Spieße, eingewickelt in dicke Plastikfolien. In der großen Halle türmen sich zartrosa zerhackte Kalbfleischberge auf stählernen Arbeitsplatten.

Anhand eines speziellen EU-Stempels auf den Fleischstücken könne er die Qualität der von ihm weiterverarbeiteten Frischware überprüfen, sagt Kaplan. „So wissen wir, was das Tier gefressen hat, wie alt es ist und wann es geschlachtet wurde.“ Die Arbeiter tragen weiß – bekleidet mit Kitteln, Hauben und Mundschutz sehen sie fast aus wie Chirurgen. „Sie können ruhig kommen, jeder kann kommen“, sagt einer von ihnen.

Einer von denen, die manchmal vorbeikommen, ist Hans-Joachim Bathe-Peters, der Leiter des Veterinär- und Aufsichtsamts in Mitte. Es sei bewährte Praxis, dass unangemeldete Kontrollen stattfänden, sagt er. Alle zwei bis drei Wochen kontrollieren seine Männer auch Kaplans Betrieb. „Der Laden ist okay.“ Grundsätzlich könne er nicht bestätigen, dass Dönerproduzenten in der letzten Zeit besonders auffällig geworden seien. Aber: „Schwarze Schafe gibt es in der Fleischbranche.“ Durch die anhaltende Diskussion um mangelhafte Kontrollen stehen auch die Behörden auf dem Prüfstand, denn entdeckt wurde das Gammelfleisch durch anonyme Hinweise und nicht durch Lebensmittelkontrolleure. Bathe-Peters hält dagegen. „Uns fehlt Personal an allen Ecken und Enden“, sagt er. „Insgesamt sollen wir 12 000 Betriebe in Mitte überwachen, uns stehen aber nur 13 Kontrolleure zur Verfügung.“

Dönerkönig Kaplan hat inzwischen die Lust verloren, über Fleischskandale in Deutschland zu reden. Er konzentriert sich lieber auf die Expansion. In der Türkei wittert der Unternehmer eine Marktlücke: den Spezialdöner nach europäischer Art – im Fladenbrot.

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