Flexstrom : Berliner Stromhändler meldet Insolvenz an

Nach Teldafax geht der nächste Billigstromanbieter in die Knie. Vattenfall übernimmt fürs erste die Versorgung.

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Was bleibt übrig? Die Firmenzentrale am Reichpietschufer in Berlin.
Was bleibt übrig? Die Firmenzentrale am Reichpietschufer in Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Von Problemen keine Spur: „Mit Flexstrom feiern und gewinnen“, das konnte man am Freitag auf der Internet-Seite des Berliner Energieanbieters lesen. Die Botschaft an den Kunden: „heute noch wechseln“. Dabei hatte der Billigstromanbieter (Eigenwerbung: „verboten günstig“) zu diesem Zeitpunkt bereits Insolvenz angemeldet. 500 000 Kunden, darunter 30 000 in Berlin, müssen sich jetzt einen neuen Lieferanten suchen – genauso wie die Kunden der Flexstrom- Töchter Optimalgrün und Löwenzahn Energie. Nur für die Gaskunden ändert sich nichts. Das Geschäft der Gastochter Flexgas wird von einem Investor weitergeführt, teilte Flexstrom am Freitag mit.

Die Schuld sieht die Geschäftsführung nicht bei sich, sondern bei den Kunden und den Medien. Seit 2009 arbeite man profitabel, 2012 habe man sogar einen Gewinn von 20 Millionen Euro ausgewiesen, hieß es in einer Mitteilung. Die Zahlungsmoral vieler Kunden habe sich aber „nach der fehlerhaften und schädigenden Berichterstattung vereinzelter Medien dramatisch verschlechtert“. Mit rund 100 Millionen Euro seien die Kunden bei Flexstrom und den betroffenen Töchtern im Rückstand. Der Rekordwinter habe das Problem noch verschärft. Die Kunden hätten weiter ihre normalen Abschläge bezahlt, aber Flexstrom habe deutlich mehr Energie einkaufen müssen, erklärte der Versorger.

„Das hat man kommen sehen“, sagt dagegen Bernd Ruschinzik von der Verbraucherzentrale Berlin. Die Verbraucherschützer beobachteten das Geschäftsmodell des Billiganbieters schon von Anfang an mit Argwohn. „Wenn ein Unternehmen mit Vorkasse arbeitet, muss man befürchten, dass die Firma knapp bei Kasse ist“, warnt Ruschinzik.

Wie Teldafax, der erste große Pleitefall in der Branche, hatte auch Flexstrom jahrelang seinen Strom deutlich billiger angeboten als die Konkurrenz – allerdings meist gegen Vorauskasse. Nach Ende der Preisgarantie erhöhte das Unternehmen die Preise. Wer dabei blieb, zahlte mehr. Wer kündigte, verlor den versprochenen Bonus. Nach wiederholter Kritik von Verbraucherschützern reagierten die Strompreisvergleichsportale im Internet und änderten ihre Suchkriterien. Seit über einem Jahr werden Tarife mit Vorauskasse bei der Voreinstellung ausgeblendet.

Aber nicht nur Kunden, auch Netzbetreiber hatten immer wieder Probleme mit Flexstrom. Teilweise weigerten sie sich sogar, Strom des Anbieters durchzuleiten, weil sie noch Geld zu bekommen hatten. Auch in Berlin. Der hiesige Netzbetreiber Vattenfall kündigte am Freitagnachmittag den Durchleitungsvertrag. Flexstrom schulde eine Summe in sechsstelliger Höhe, berichtete ein Sprecher.

Mit der Pleite stehen auch 700 Arbeitsplätze in Berlin auf der Kippe – in der Hauptverwaltung am Reichpietschufer und im Call-Center in Mariendorf. In der Senatsverwaltung für Wirtschaft hieß es, man habe Flexstrom bereits im Herbst „die Möglichkeiten der Wirtschaftsförderung aufgezeigt“. Doch sei es der Firma nicht gelungen, die Voraussetzungen für Hilfen zu schaffen. Offenbar hatten Flexstrom und Senat über eine Bankbürgschaft diskutiert. Nun wird vermutet, dass es den Flexstrom-Managern nicht gelungen ist, eine Bank zu finden, die ihnen Kredit gibt. Die mangelhafte Bonität hatte im November 2012 auch dazu geführt, dass die Emission einer Unternehmensanleihe abgeblasen werden musste.

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