Floridaeis-Gründer : "Miami Eis gab es schon"

Olaf Höhn ist Chef von Floridaeis aus Berlin und beliefert Handelsketten mit Eis aus Maschinen, die sonst niemand mehr will. Im Tagesspiegel spricht er über Expansionspläne, kleinkarierte Banken - und seine Frau.

"Ich kann Arbeit schlecht abgeben", beschreibt der 61-jährige Olaf Höhn seinen Führungsstil.
"Ich kann Arbeit schlecht abgeben", beschreibt der 61-jährige Olaf Höhn seinen Führungsstil.Foto: Mike Wolff

DER CHEF

Olaf Höhn ist Maschinenbauingenieur und arbeitete zunächst bei seinem Vater im Bäckereibetrieb. 1984 kaufte er in Spandau das Eiscafé Annelie, das er in Florida Eiscafé umbenannte. Der 61-Jährige ist seit 35 Jahren verheiratet und hat einen Sohn. Seine Hobbys sind Fotografieren und die Fliegerei. Höhn hat einen Berufspilotenschein.

DIE FIRMA

Zur Olaf Höhn Florida Eiscafé KG gehören inzwischen zwei Eiscafés in Spandau, das traditionelle Café in der Klosterstraße und das moderne in der Ellipse gegenüber dem Rathaus, sowie zwei Eiscafés in Alt-Tegel. Außerdem beliefert Höhn 220 Handelspartner mit Eis, von der Imbissbude bis zur Kaiser’s-Filiale. Hinzu kommen der Service für Veranstaltungen und der Florida- Eisexpress, über den Eispakete bundesweit versandt werden.

Herr Höhn, in Berlin ist Ihr Eis schon berühmt. Jetzt wollen Sie Floridaeis bundesweit anbieten. Ist die Nachfrage so groß?

Ja. Die Einkäufer aller großen Supermarktketten von Edeka bis Rewe waren hier und haben gesagt: Herr Höhn, Sie müssen uns beliefern. Floridaeis hat eine Top-Qualität und ich glaube, dass die Menschen müde geworden sind von Langnese und Co. Der Erfolg, den wir in den Filialen von Kaiser’s haben, ist so überdurchschnittlich, das hätte ich mir nicht träumen lassen.

Wie kam es dazu?

Auch die sind zu mir gekommen. Am Anfang war ich skeptisch, aber als ich hörte, was von mir erwartet wird, wusste ich, es ist kein Problem. Wir verkaufen hier im Hauptgeschäft bis zu 35 000 Familienpackungen Eis im Jahr. Das haben die in den ganzen Filialen nicht gemacht. Mittlerweile verkaufe ich bei Kaiser’s 300 000 Packungen – mit steigender Tendenz.

Wie geht es jetzt weiter?

Ab Montag beliefern wir testweise zehn Filialen der Famila-Gruppe in Kiel und Hamburg. Mehr können wir im Moment nicht. Im September werde ich dann eine wichtige Entscheidung treffen. Ich habe ein sehr konservatives Fundament gelegt und immer alles aus der eigenen Tasche bezahlt. Ich bin keine großen Risiken eingegangen. Jetzt steht ein großer Schritt bevor. Es geht darum, eine neue Produktionsstätte zu bauen. Ich habe mehrere Hallen in der Nähe angemietet, aber wir können nichts mehr unterbringen. Wir haben zum Beispiel sechs Mitarbeiter im Büro, aber nur fünf Arbeitsplätze.

Wie soll die neue Fabrik aussehen?

Der Hauptgedanke ist natürlich, eine tolle Produktion zu bauen. Ich bin ja Ingenieur. Aber der andere Gedanke ist, besonders energieeffizient zu arbeiten. Denn die Energiekosten bei der Eisproduktion sind besonders hoch. Ich habe seit ein paar Wochen in der Firma eine neue Kälteanlage aus Italien, die ist extrem energiesparend und läuft fantastisch. So eine Anlage baue ich mir ein, ein riesiges Solardach und am liebsten noch ein großes Windrad auf dem Dach. Vielleicht bin ich ein schlechter Kaufmann, aber ich bin Techniker.

Wie viel wollen Sie investieren?

Mindestens zwei, vielleicht drei Millionen Euro. Aber ich gehe die Sache ganz vorsichtig an. Wissen Sie, irgendwann schmeckt das Eis den Leuten nicht mehr und dann habe ich eine Halle und drei Millionen Euro Schulden und stelle fest, das war alles Käse. Ich werde 61 Jahre alt und möchte auch weiterhin ruhig schlafen können.

Sie zögern also noch?

Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich habe Bauchschmerzen dabei. Ich bin eine Ein- Mann-Firma. Alles geht über meinen Schreibtisch. Ich habe fünf Mitarbeiter an der Spitze, die unheimlich fleißig sind. Aber ich kann Arbeit schlecht abgeben. Ohne mich geht gar nichts. Der Bau ist nicht das Problem. Aber ich werde dann nicht mehr 160 sondern 250 Mitarbeiter haben. Ich muss einen ganzen Apparat aufbauen, eine Logistik und eine Verwaltung, die mir eh ein Graus ist. Wissen Sie, mit Papier habe ich es nicht so.

Und mit Computern?

Der Kauf der EDV-Anlage im vergangenen Jahr war eine echte Fehlinvestition. Keiner kann sie bedienen.

Sie arbeiten ohne EDV?

Meine Frau schreibt das Kassenbuch noch per Hand. Wir machen in diesem Jahr einen Umsatz von vier Millionen Euro. Und die Nachfrage sagt eine schnelle Verdopplung voraus.

Ziehen die Banken mit?

Sie tun zumindest so. Aber ich weiß ganz genau, wie die Verträge aussehen werden, stapelweise Papier. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Banken, aber meine Freunde sind das nicht. Sie werden immer kleinkarierter. Die Banken sichern sich mindestens drei bis vierfach ab. Einmal habe ich mich so geärgert, dass ich gefragt habe, ob sie meine Frau auch noch dazu haben wollen. Nein, so sei das natürlich nicht gemeint gewesen, hieß es dann. Aber ich müsse verstehen, der Vorstand wolle das so. Das interessiert mich nicht, was der Vorstand will.

Bleiben Sie in Spandau?

In Brandenburg gibt es Fördermittel, die für mich interessant sind. Ich würde gern in Spandau bleiben und habe dem Bezirk gesagt, Kinder ihr müsst was tun. Ich bin Kaufmann und muss meine Entscheidungen auch gegenüber meinen Mitarbeitern rechtfertigen. Wenn ich pleitegehe, ist das ein Schuss in den Ofen. Es gibt jetzt keine kleinen Schritte mehr.

Sie verhandeln also mit der Politik?

Ja. Ich will keinen Druck ausüben. Aber ich möchte, dass man sich engagiert. Dann bleibe ich auch hier vor Ort.

Welches Engagement erwarten Sie?

Brandenburg hat noch enorme Fördertöpfe, wenn Sie Arbeitsplätze schaffen. Da kriegen Sie richtig Kleingeld. Das hat Berlin nicht. Aber es gibt noch diese GA-Mittel ...

... das sind Zuschüsse für Investitionen, die das Land und der Bund zahlen ...

Ja, und wenn das Land Berlin das mit mir gemeinsam macht, bleibe ich hier. Bisher hat sich Spandau sehr bemüht.

Sie sagen, Sie machen sehr viel selbst. Lassen Sie sich beim Produktdesign und Marketing beraten?

Ich arbeite mit einer selbstständigen Designerin zusammen, einem Ein-Frau-Betrieb. Sie macht Vorschläge, aber die Entscheidung treffe ich. Mein konservatives Denken fließt da natürlich ein, vom Schriftzug angefangen.

Marketing machen Sie gar keines?

Nein, wir entwickeln alles so, wie es kommt. Ich entscheide meist im Auto fahrend, ich habe eine Freisprecheinrichtung. In der Regel treffe ich die Entscheidungen sehr schnell. Ich gebe genau vor, wie ich es haben will. Alle Fotos im Internet zum Beispiel sind von mir.

Lassen Sie sich von niemandem beraten?

Von meiner Frau, in Gelddingen zum Beispiel.

Warum heißt Eis, das aus Spandau kommt, Floridaeis?

Als ich das Café in den 80er Jahren übernahm, lief im Fernsehen Miami Vice. Die Serie fand ich toll. Erst wollte ich Miami Eis machen, das gab es aber schon. So kam ich auf Floridaeis.

Waren Sie schon einmal da?

Anfangs hatte ich noch kein Geld. Aber im zweiten Jahr nachdem ich Eigentümer war, hatte ich schon etwas gespart, so dass ich meine erste Reise machen konnte. Wir hatten damals noch von September bis Februar zu. Drei Monate sind wir mit dem Wohnmobil durch Florida gefahren. Wir waren sogar bei Filmaufnahmen für Miami Vice dabei.

Haben Sie dort auch Eis gegessen?

Ja klar. Ich esse überall Eis.

Haben Sie aus Florida etwas mitgebracht?

Ein paar Ideen sind von da rübergekommen, zum Beispiel das Cherry Chocolate Chip ist eine Kreation aus USA. Aber ganz entscheidend ist das Pekannusseis. Ich glaube, ich bin der Einzige in Deutschland, der das anbietet. Aber heute kaufen wir die meisten Zutaten nur noch in Frankreich ein. Die Franzosen sind die Gourmets auf der Welt. Was man von dort übernimmt, schmeckt auch gut.

Was unterscheidet Ihr Eis von italienischem oder amerikanischem Eis?

Wir haben für jede Sorte ein einzelnes Rezept. Während die Italiener Grundrezepte machen und das Eis dann entsprechend mit Geschmackskomponenten anpassen. Ganz entscheidend ist aber unsere handwerkliche Maschinentechnik. Die ist out. Ich bin der Einzige in Deutschland, der diese Maschinen noch kauft. Es sind Geräte, die keine technologische Entwicklung haben.

Warum benutzen Sie eine Maschine, die sonst keiner mehr will?

Weil man nicht erkannt hat, wie man mit Qualität Geld verdienen kann. Die Industrie will immer möglichst viel Luft, um möglichst viel Volumen zu haben. Unsere Maschine macht dagegen ein ganz festes, kompaktes Eis mit viel Geschmack. Luft schmeckt nun mal nicht, auch wenn sie aus Berlin kommt.

Wie stark ist Ihr Geschäft vom Wetter abhängig?

Ganz extrem. Bei zehn Grad, blauem Himmel und Sonnenschein im Februar mache ich mehr Umsatz als bei 15 oder 20 Grad im September. Es gibt nach dem langen Winter eine Art Nachholbedarf. Man kann also auch im Januar und Februar Umsätze machen, die sich rechnen. Das steigert sich dann: Die besten Monate sind April, Mai. Der Juni ist sehr gut, aber der Juli bringt schon wieder Einbrüche durch die Ferien und die Hitze, wie wir es jetzt haben. Dann bröckelt das Geschäft ab. Sie kriegen im Oktober, November, Dezember keine Kunden in ein Eiscafé.

Warum haben Sie dann geöffnet?

Das ist ein Zuschussgeschäft, aber ich lege großen Wert darauf, dass ich mir das leisten kann. Ich möchte einen Betrieb erhalten, wo der Gast das ganze Jahr über kommen kann. Aber ganz entscheidend ist, dass ich die Mitarbeiter das ganze Jahr beschäftige. Ich habe ein Arbeitszeit-Guthaben-Konto erfunden – zehn Jahre vor Volkswagen. So kann ich meine Mitarbeiter halten. Mit Kaiser's haben wir unsere Winterumsätze erheblich verbessert. Früher lagen die Winterumsätze bei zehn Prozent des Sommerumsatzes. Wir liegen jetzt bei knapp 20 Prozent. Ich muss auf 25 Prozent kommen, um kostendeckend zu sein.

Finden Sie das richtige Personal?

Es ist wirklich schwer genug, Leute für die Cafés zu bekommen. Die Bedienung muss ja auch Eisbecher machen, im Sommer ist das ein Knochenjob. Am vergangenen Sonntag hatten wir in den beiden Cafés in Spandau um die 11 000 Kunden. Wir rechnen pro Kassenbon 1,8 Menschen und das ist niedrig gerechnet.

Was war Ihr größter Fehler?

Ich hätte bei einigen Kreditverträgen bessere Konditionen aushandeln sollen. Und natürlich hätte ich nicht 40 000 Euro in Lehman-Zertifikate investieren sollen. Aber ich bin jemand, der mit so etwas umgehen kann. Wenn ich das Geld verloren habe, dann jammere ich natürlich drei Tage. Aber ich lebe von meiner Arbeit, solange ich noch Arme und Beine habe, ist das alles kein Thema.

Ihr Sohn will das Geschäft nicht übernehmen, wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Die ganze Mannschaft um mich herum ist sehr jung. Ich bin also kein vergreister Betrieb. Aber wer den mal übernehmen soll, da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Das will ich auch nicht, ehrlich gesagt. Das schiebe ich weit weg.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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