Wirtschaft : Flucht nach vorn

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Von Dieter Fockenbrock

Man kann es positiv werten: In Deutschland gibt es wieder großen Mut zum Unternehmertum. Anlass für diesen Optimismus sind 1,6 Millionen Firmengründungen im vergangenen Jahr, und ein Viertel davon durch Arbeitslose oder Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Man kann es natürlich auch anders sehen. Die anhaltende Konjunkturflaute und die katastrophale Lage auf dem Arbeitsmarkt drängt eine wachsende Zahl von Frauen und Männern, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Hinzu kommt, dass der Staat die Gründung kleiner und kleinster Unternehmen jetzt massiv fördert – als Teil der Arbeitsmarktpolitik. So gesehen erlebt Deutschland keinen echten Gründungsboom, sondern eine Flucht in die Selbstständigkeit.

Vor allem über die markanteste Erfindung des Reformpaketes, die so genannte IchAG, lässt sich trefflich streiten. Denn die schnell zu gründende Ein-Personen-Firma im heimischen Wohnzimmer ist zumeist aus der Not geboren und schlecht vorbereitet. Viele dieser Gründer gehen mit Illusionen an die Arbeit. Sie verfügen weder über genug Kapital noch über das Wissen, um die Selbstständigkeit auf längere Sicht durchzuhalten. Deshalb ist schon heute klar, dass die Zahl der Firmenpleiten in den nächsten Jahren kräftig steigen wird. Mit 40 000 Insolvenzen ist schon jetzt ein Rekordniveau erreicht.

Trotzdem ist die Selbstständigkeit kein Irrweg. Im Gegenteil. Statt nur „Stütze“ zu kassieren, Zeit totzuschlagen und in die langfristige Erwerbslosigkeit abzurutschen, nehmen Existenzgründer ihr Schicksal selbst in die Hand. Das ist wichtig für ein gesundes Selbstwertgefühl – das wiederum die beste Qualifikation für einen neuen Job als Angestellter ist. Ganz abgesehen davon, dass mancher Gründer aus der Not tatsächlich ein erfolgreicher Unternehmer wird. Dann hat sich die staatliche Investition erst recht gelohnt.

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